Page 137 - Entlebucher Brattig 2023
P. 137
136
Abenteuer Kolumbien
Seit 37 Jahren lebe ich in Lateinamerika
Anna Maria Fankhauser
Im August 1985 reiste ich über eine Austauschorganisa- ken begeistert. Im September 1996 startete die Bauern-
tion nach Kolumbien, um dort einen einjährigen Voluntär- hofschule Amalaka mit 17 Kindern: Eine Alternativschule,
1
einsatz zu leisten. Die lateinamerikanische Kultur, die in der erlebnisorientiert unterrichtet wird. Im Vordergrund
Sprache, der Kontakt mit den Ahnenvölkern zogen mich der Freinet-Pädagogik steht die kritische Auseinander-
in diese magische Region des amerikanischen Kontinents. setzung der Schülerinnen und Schüler mit ihrer Umwelt.
Schon nach sechs Wochen durfte ich die Arbeit mit den Dies geschieht durch kooperatives Lernen mit individu-
Strassenkindern in Bogota starten. Meine Aufgabe bestand eller Unterstützung. Alltagserfahrungen führen oft zu
darin, mit den auf den Strassen lebenden Kindern und Projekten, die in der Klassengemeinschaft realisiert wer-
Jugendlichen einen spielerischen Morgen zu gestalten. den. Der Inhalt der Fächer wird ganzheitlich angegangen,
Währenddem wurde ihnen der Zugang zu ärztlicher Kinder und Jugendliche können mitbestimmen: Lern-
Betreuung, zum Zahnarzt oder Coiffeur, zu Frühstück techniken wie das experimentelle Lernen, die Planung
und Mittagessen angeboten. Schon bald entstanden der Woche und der Klassenrat, die natürliche Lese- und
grosse Freundschaften. Ich fühlte mich nun auch nachts Schreibmethode oder das Lösen von Konfliktsituationen
in den Strassen dieser riesigen Hauptstadt sicher, denn innerhalb der Gruppe sind zentral.
ich kannte praktisch alle Strassenkinder. Wenn ich spät Damals war mir überhaupt nicht bewusst, dass sich
unterwegs war, konnte ich auf zahlreiche Begleitung der das beginnende Abenteuer der Bauernhofschule auch
«Gamines» zählen. Dieser erste Kontakt mit einer Rand- zu einem Gymnasium entwickeln könnte. 2018 wurde
gruppe von Kindern und Jugendlichen prägte mein Inter- unser Land vom Umweltministerium als «Privates Natur-
esse an der sozialen Gerechtigkeit. schutzgebiet» registriert. Somit ist Amalaka (Institucion
Nach und nach kam viel Neues dazu. Das Arbeiten am Web- Educativa Técnica Agroambiental Granja-Escuela) das
stuhl, das Töpfern mit Campesinos-Kindern im Schnee- einzige Gymnasium in Kolumbien, das sich innerhalb
hochland des Cocuy, das Kennenlernen der afrikanischen eines privaten Naturschutzgebietes befindet. Die Schule
Kultur am Pazifik, die Begegnung mit indigenen Völkern, erhielt während zehn Jahren staatliche Unterstützung.
das hautnahe Miterleben eines jahrzehntelangen Bürger- Diese wurde jedoch von einem Moment zum anderen
krieges. Dies öffnete viele neue Fenster. Die menschliche gestrichen und der Überlebenskampf begann von Neuem.
Wärme, die Gastfreundschaft, die Fröhlichkeit trotz zahl- Viele unserer Schulabgängerinnen und -abgänger sind
reicher Probleme brachten mich zum Nachdenken über ins Lehrlingswesen (SENA) eingetreten. Sie schliessen
das Dasein in diesem faszinierenden Umfeld. eine Lehre ab. Andere studieren an verschiedenen staat-
lichen Universitäten. Einige haben in ihren Gemeinschaf-
Gründen einer Freinet-Schule ten eigene Projektinitiativen realisiert. Was sie alle aus-
zeichnet, ist ihr Zugehörigkeitsgefühl zur Bauernhofschule.
Schon bald bekam das Thema Schulbesuch einen wich- Sie kommen oft zu uns auf Besuch.
tigen Stellenwert, vor allem weil meine älteste Tochter Die aktuellen Schülerinnen und Schüler gehören dem
Maya die traditionelle Schule verweigerte. Eine Schule, Mittelstand an, dazu kommen mehrere Flüchtlingskinder.
die ihr erlebnisreiche Lernmöglichkeiten bieten konnte, Mehrere Indianer- oder Campesinos-Kinder besuchen
gab es nicht. Also gab es nur eine Möglichkeit: Selber den Unterricht weiterhin gratis. Dies gilt auch für Kinder
mit einer Schule zu starten, die den Kindern die Möglich- oder Jugendliche mit speziellen Beeinträchtigungen. Ich
keit gab, sich aktiv an ihrem Lernprozess zu beteiligen. werde oft gefragt, weshalb ich die Schule aufrechterhal-
Ein paar Jahre vorher hatte ich eine Freinet-Schule in der ten will, trotz massiver finanzieller Schwierigkeiten. Ich
Schweiz kennengelernt und war von deren Lerntechni- glaube mit vollem Herzen an den Menschen. Die Schule

