Page 142 - Entlebucher Brattig 2023
P. 142

141                               entlebucher brattig 2023






                   Eine kurze Vorgeschichte


                   Das Entlebuch als Weinregion? Das hört sich zunächst
                   wunderlich an. Wein war im Entlebuch stets ein Import-
                   produkt. Man erinnert sich zwar vage an die Glasbläser
                   aus dem süddeutschen Raum und dem Elsass, die im
                   18. und 19. Jahrhundert mit ihren Rebstöcken im Gepäck
                   in die Region gezogen seien. In der Umgebung der Glas-
                   hütten und ihrer neuen Wohnstätten legten sie offenbar
                   einige Rebberge an, um auch im Entlebuch und wohl
                   mit etwas Heimweh dem Genuss des bekannten Reben-
                   saftes zu frönen. Inspiriert davon stellten sie denn auch
                   prächtige Weingläser und Karaffen her. Mit dem Wegzug
                   der Glasindustrie 1869 hätten die Glasbläser, so sagt
                   man, auch ihre Weinreben wieder eingepackt. Als 1870
                   die Reblaus in Europa grossflächig Rebberge zerstörte,
                   gab es im Entlebuch wohl schon keine Weinreben mehr.
                   Es sollte mehr als 130 Jahre dauern, bis in der Region
                   wieder eine nennenswerte Weinproduktion einsetzte.

                   Pioniergeist und Pragmatismus                         «Sehr schöner Wein, harmonisch,
                                                                         gewaltige Frucht.» Diese Beurtei-
                                                                         lung erhielt «Felder’s Solaris» 2021
                   Einer der Pioniere war und ist der Entlebucher Landwirt   bei einer Degustation in Pfäffikon.
                   Josef Felder vom Grabenhof in Ebnet. Er pflanzte auf
                   seiner Liegenschaft im Jahr 2004 auf 14 Aren rund 900
                   Rebstöcke. Doch wie kam er auf diese Idee? Es scheint
                   praktische ebenso wie persönliche Gründe dafür gegeben   Aufwind für lokalen Wein
                   zu haben. Aus praktischer Hinsicht war Felder damals   Wer ausprobiert, bezahlt natürlich auch Lehrgeld. «Wenn
                   auf der Suche nach einem neuen Betriebszweig, nach-   ich heute noch einmal anfangen könnte, würde ich man-
                   dem der Feuerbrand seine Hochstammbäume liquidiert    ches anders machen», erzählt mir Sepp. Er würde die
                   hatte. Dieser sollte ihm auf seinem Kleinbetrieb eine   Stöcke beispielsweise nicht mehr im Tobel des Chatzen-
                   Nischenproduktion erlauben und gleichzeitig die in der   rains, sondern oben auf der Ebene pflanzen, wo es mehr
                   Landwirtschaft bedeutende Kennzahl der Standardarbeits-  Luftzug gibt. Auch die Wahl der Traubensorten würde
                   kräfte positiv beeinflussen. Der Weinanbau erfüllte beide   heute womöglich anders ausfallen. Er habe damals
                   Kriterien: Die Arbeit an den Rebstöcken kam 0,14 Stan-  die robusten, pilzwiderstandsfähigen Solaris-Trauben
                   dardarbeitskräften gleich, und Entlebucher Wein war ein   gewählt, weil er davon ausging, dass er diese nicht
                   Nischenprodukt.                                       «spritzen» müsse. Anfänglich konnte er auf eine Behand-
                                                                         lung ganz verzichten, nach ein paar Jahren musste er
                   Zudem lässt sich die Wahl des Weinbaus auch auf per-  aber dennoch zwei- bis dreimal pro Jahr biologische
                   sönliche Eigenschaften zurückführen. Als ich Sepp im   Schutzmittel anwenden. Immerhin versprechen die Sola-
                   Juni 2022 mit einigen Freunden für eine Führung durch   ris-Trauben nach wie vor einen hohen «Öchsligrad» –
                   seinen Rebberg besuchte, wurde mir schnell klar: Er ist   also einen hohen Zuckergehalt. Das führt zu einem hohen
                   einer, der gerne ausprobiert. Akribisch hat er sich Anfang   Restzuckergehalt nach der Gärung und damit zu süssli-
                   der 2000er-Jahre über den Weinbau und die Herstellung   chen Produkten. Diese sind beliebt und der Absatz ent-
                   informiert, pragmatisch hat er seine Ideen in den Folge-  sprechend gut. «Obwohl ich keine Werbung mache, ver-
                   jahren umgesetzt und weiterentwickelt. Das Geheimnis   kaufe ich eigentlich immer die ganze Produktion», erzählt
                   seines Pioniergeistes liegt im Gwunder am Prozess und   Sepp zufrieden.
                   der Lust am Versuch. Ganz nach dem Motto: Erst wenn   Die Nachfrage nach einheimischem Wein scheint vor-
                   man’s probiert, merkt man, ob man’s kann. «Wein zu    handen zu sein. Neben Josef Felder stellen inzwischen
                   machen, ist eigentlich nicht viel schwieriger, als Most   auch einige andere Kleinproduzenten in der Region Wein
                   herzustellen. Die Prozesse sind im Prinzip genau diesel-  her: Darunter Oskar Eicher im Oberberg in Schüpfheim,
                   ben», meint Sepp bescheiden. Stimmt wohl, nur muss    Pirmin Bucher in Doppleschwand, Markus Bucher auf
                   man eben auch die Neugierde und den Mut haben, das    dem Steinhuserberg und Moritz Müller in Hasle. Viele von
                   einfach auszuprobieren.                               ihnen arbeiten auf die eine oder andere Art und Weise
   137   138   139   140   141   142   143   144   145   146   147