Page 132 - Entlebucher Brattig 2023
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Metzgete beim Schafbuur –
ein Derfür und ein Derwidder
Richard Portmann
Ein gar seltsamer Titel für einen Artikel. Auch, wenn man Wenn es keine Schafe mehr gäbe, gäbe es auch keine
die Rechtschreibung betrachtet. Der erste Teil ist ja nicht Wollsocken und keine Wollpullover, keine Wollauflagen
aussergewöhnlich, auf dem Hof Tiere schlachten – das und keine Wolldecken. Ist uns etwa lieber, Gesponnenes
hat man früher oft gemacht. Aber was soll der zweite Teil aus erdölfabrizierten Garnen zu tragen? Aus Fäden, die in
des Titels: «Ein Derfür und ein Derwidder?» riesigen Fabriken irgendwo in fremden Landen aus dem
rarer werdenden und politisch umkämpften Rohstoff
Nun gut, der Titel stammt nicht aus meiner Feder. Er ist gefertigt werden? Es gäbe ja noch von Menschen ange-
einer unter rund zwanzig Vorschlägen, die am letzten baute Pflanzenfasern, Flachs zum Beispiel oder Baum-
Brattig-Essen von Phil Hofstetter und Christian Langhagen wolle und Bast. Dazu braucht es keine Tiere, die später
in einem Rap vorgetragen wurden. Etwas anders formu- einmal unters Messer kommen. Aber – wenn es keine
liert: Zu meinem Abschied aus der Brattig-Kommission Schafe mehr gäbe, gäbe es … Ich wiederhole mich nicht.
im November 2021 präsentierten die beiden äusserst
unterhaltsam (un-)mögliche Brattigartikel-Themen. Diese
Liste sollte mir einen Schubs geben, auch künftig dann
und wann einen Aufsatz zu verfassen. Klar: So ernst- «Ein Derfür und ein Derwidder» – ist zwar rechtschreibe-
gemeint waren die Vorschläge nicht. Wie kämen sonst risch nicht ganz korrekt, aber bringts auf den Punkt. Es gibt
Titel zusammen wie «Kanton Entlebuch, was wir von den auf unserer Welt fast immer und für fast alles ein Dafür
Jurassiern lernen können», oder «Vom einfachen Pöuzler und ein Dagegen. Und wenn dieses Dafür und Dagegen
zur Jägerausbildung – ein Zielkonflikt?», oder «15 Jahre beim Thema Schaf aufs Tapet kommt, darfs wohl auch
Rega-Stützpunkt im Entlebuch aus Helikoptersicht». «ein Derwidder» heissen. Warum? – Ganz einfach (aber
nicht ganz im Ernst): Gegen oder wider etwas zu sein,
Der nun von mir gewählte oben stehende Titel hat mich unterscheidet sich vom schafbockigen Widder ja nur in
irgendwann in der Nase gestochen. Vor allem, weil er in einem Buchstaben weniger.
meinem Innersten grundsätzliche Fragen aufwirft. Zuerst
einmal, darf ich grundsätzlich dieses Thema aufgreifen? – Richard Portmann, *1947, Entlebuch
Ich habe von Schafhaltung überhaupt keine Ahnung. Noch Naturführer, Exkursionsleiter und Geschichtenerzähler
weniger von Metzgeten, als Vegetarier seit 40 Jahren
sowieso, notabene bis heute fleischlos lebend aus gesund-
heitlichen Gründen. Die vierfüssigen Wollknäuel sind mir
doch lebend am sympathischsten. Auch weiss ich um
die «Alpinrasenmäherfunktion» von Schafen an lawinen-
gefährdeten Hängen. Aber, wenn sie nun alt und gebrech-
lich werden, nicht mehr fressen mögen oder keine Milch
mehr geben? Folgt dann eine Metzgete wie das Amen
in der Kirche, Schluss und aus? Oder wäre etwa das
länger dauernde Ableben im Gnadenhof zusammen mit
alten Eseln und federnverlierenden Hühnern die tier-
gerechte Lösung?

