Page 135 - Entlebucher Brattig 2023
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Kindliche Neugier – ein Leben lang
Yvonne Vogel
Das Kleinkind räumt sämtliche Schubladen leer. Danach Nobelpreisträgerin Mary Curie hat in der Physik mit Lei-
krabbelt es neugierig die Treppe hoch und probiert die denschaft geforscht, ihr verdanken wir die Entdeckung der
Lichtschalter aus. In einer nächsten Entwicklungsphase Röntgentechnik.
löchert das Kind die Erwachsenen mit Fragen: Warum Auch heute noch erweist sich Neugier als wichtige Voraus-
fällt der Mond nicht vom Himmel? Warum guckt dieser setzung für das Entwickeln von neuen Ideen und innova-
Mann so traurig? Warum fährst du hier nicht schneller? tiven Lösungen. Wegen dieser positiven Seiten betrachtet
Kommt Ihnen das bekannt vor? die Psychologie Neugier als Stärke. Menschen mit dieser
Stärke streben, wie Humboldt und Curie, aktiv nach neuen
Neugier – Laster oder Tugend? Erfahrungen und neuem Wissen und sind sogar bereit,
dafür Risiken einzugehen.
«Sei nicht so neugierig!» Zwar hat sich diese Haltung Wie andere Eigenschaften auch ist die Neugier bei uns
gegenüber der kindlichen Neugier im Laufe der Zeit Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt. Zu Beginn
gewandelt und solche Sätze sind seltener geworden. des Lebens jedoch sind alle Menschen sehr neugierig.
Neugier im Allgemeinen geniesst aber noch immer Warum sind Kinder «Neugierwesen»?
einen zweifelhaften Ruf, Stichworte dazu sind: Ein- Ohne erkennbaren Grund suchen Menschenkinder – wie
mischung, Schaulustige, Sensationsgier. übrigens alle jungen Säugetiere – neugierig unbekannte
Diese negative Sicht verkennt die positiven Seiten der Situationen auf, erkunden Objekte und experimentieren
Neugier. Die «soziale Neugier» ist in uns Menschen spielerisch damit. Als ausgesprochene «Neugierwesen»
angelegt: Als soziale Wesen sind wir von Natur aus an saugen sie wie ein Schwamm alles auf, was sie sehen,
unseren Artgenossen interessiert. Evolutionär betrachtet hören und erklärt bekommen.
sind wir nämlich seit Urzeiten auf unsere Gruppe ange- Diese Neugier und die Begleitung der Kinder beim Ent-
wiesen, allein wären wir nicht überlebensfähig. Daher ist decken begeistern auch Caroline Zemp. Seit 20 Jahren
es naheliegend, dass wir erfahren möchten, wie es den empfängt sie Zwei- bis Fünfjährige in der Spielgruppe
Menschen in unserem Umfeld geht, was sie machen, «Zwerge Hüsli» auf dem familieneigenen Bauernhof
denken und wie sie zu uns und zueinanderstehen. Posi- in Ebnet. Sie arbeitet sehr naturnah und verbringt mit
tiv betrachtet ermöglicht erst dieses Interesse an ande- den Kindergruppen viel Zeit im Freien. Im Jahreszyklus
ren Menschen Mitgefühl und Empathie. entdecken die Kinder auf dem Bauernhof und im Wald
immer wieder Neues und lernen dabei spielend leicht.
Neben sozialen bezieht sich die Neugier des Menschen Es gibt viel Raum und Zeit, um auf den Gwunder der
auch auf sachliche Bereiche. Sämtliche Errungenschaften Kinder einzugehen. Schmunzelnd erzählt sie, dass so
der Menschheit sind auf Menschen zurückzuführen, die aus der mit den Kindern geplanten Kartoffelernte fürs
ihre Umwelt offen und neugierig erkundet haben. Ohne Zmittag spontan eine Regenwurmsuche wurde, welche
sie sässen wir vielleicht immer noch in Höhlen! Wissens- mit einem Wurmlängenvergleich endete. «Die Neugier
durstige Menschen haben den Fortschritt angestossen, bringt die Kinder zum Spielen. Das Spiel ist Werkzeug
indem sie sich beispielsweise gefragt haben: Wie macht zum Lernen und die Begeisterung ist der Motor», so
man Feuer? Was befindet sich wohl hinter dem Hügelzug? Caroline Zemp.
Was sind das für Tiere und Pflanzen? Schon Alexander Für die kindliche Entwicklung ist es also wichtig, die
von Humboldt hat auf seinen Forschungsreisen vor über Neugier nicht zu bremsen, den Kindern eine sichere Basis
200 Jahren unzählige Informationen über die besuchten zu bieten, sie Erfahrungen machen zu lassen und ihre
Länder gesammelt und viel Wissen generiert. Und die Überlegungen und Fragen ernst zu nehmen. Oft stellen

