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           Nathalie Emmenegger

           Wenn du es aussprichst,


           wird es Realität




           Warum es heute manchmal immer noch echt schwul ist, gay zu sein



                                                              «



                                                                     Schweigen
                                                                     Erste Anzeichen gab es wohl schon mit 13, 14. Ich hätte
               Hey, wie geits?                                   mir damals aber nie eingestehen können, dass ich auf Männer
               Er hat sich ein wenig verändert, seit wir uns das letzte   stehe. Das passte nicht in meine Vorstellung von Familie:
           Mal gesehen haben. Die Haare sind länger, der Schnauzbart   Mann, Frau, Kinder. «Normal» halt, was man so sieht im Dorf,
           neu. Wir waren gut befreundet während der Kanti-Zeit, haben   auf der Strasse. Etwas anderes kannte ich nicht.
           nun aber unterschiedliche Lebensmittelpunkte und uns in den
           letzten Jahren ziemlich aus den Augen verloren. Damals ver-  Ferien in der Karibik, Sonne, Strand, Drinks in einer Ho-
           traute er mir an, dass er schwul ist – und ich erlebte mit, wie   telbar. Er ist gross, gutaussehend, gerade 18 geworden.
           schwer es ihm fiel, offen darüber zu reden.               Er küsst Frauen, mehrere, fast jeden Abend. Im Kopf die
                                                                     Stimme: Das ist die letzte Chance. Vielleicht schaffe ich
                                                                     es doch, Gefühle für Frauen zu entwickeln. Und es fühlt
                                                                     sich gut an, irgendwie. Doch der Blick schweift ab, als
                                                                     ein Tänzer an ihnen vorbeigeht. Noch in der Umarmung
                                                                     mit der Frau merkt er: Das hier ist es nicht. Das kann es
                                                                     nicht sein.

                                                                     Auf mein erstes Date ging ich mit einem Mann aus Frank-
                                                                 reich – bloss niemand aus der näheren Umgebung. Ich traf ihn
                                                                 in Luzern; in ständiger Angst, uns könnte jemand sehen. Den
                                                                 ersten Freund hatte ich mit 18. Von da an bis zur Matura führte
                                                                 ich fast zwei Jahre lang ein Doppelleben. In meiner Klasse
                                                                 wusste niemand davon. Ich brauchte Ausreden, wenn ich
                                                                 meine Freunde an Wochenenden nicht zum Sport oder im Aus-
                                                                 gang traf, weil ich meinen Freund in der Westschweiz be-
                                                                 suchte. Auch meinen zwei langjährigen Schulfreunden und
                                                                 jetzigen Mitbewohnern sagte ich es erst viel später, in unserer
                                                                 WG hier in Zürich.
                                                                     Ich bin ein sehr sozialer Mensch, verbrachte immer viel Zeit
                                                                 mit Freunden und zeigte mich stets offen und ehrlich. Deshalb
                                                                 war es umso schwieriger, nicht über meine Homosexualität zu
           Ian Schumacher, *1998, ist in Schüpf-                 reden. Es fühlte sich an, als würde ich mich selbst verraten.
           heim aufgewachsen und studiert
           heute Medical Technology an der ETH
           Zürich. [Bilder: zVg, Timothy Raimond                     Klassenfest, eine Hütte irgendwo im Entlebuch. Musik
           Christensen, @stokasmud_black]                            spielt, Alkohol fliesst, man ist gut drauf. Er hadert.
                                                                       Eigentlich möchte er, dass sie es wissen; möchte mit
                                                                       ihnen teilen, was ihn bewegt. Er möchte endlich sich
                                                                     selbst sein.
                                                                     Warum kann er es ihnen nicht einfach sagen.
                                                                     Er nimmt noch einen Schluck von der Flasche.
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