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AKTUELLES
LEBENSWEGE
Im vorletzten Jahrhundert sind Arme mit mehr oder weniger Druck noch behördlich «aus- AKTUELLES
gewandert worden», im letzten Jahrhundert waren es oft familiäre Umstände, fehlende Arbeit
oder, wie bei Ruedi, der kalte gesellschaftliche Biiswind, der ihm entgegenschlug. Es sei mehr
ein Ausbruch als nur ein Aufbruch gewesen damals: «Wer anders denkt, lebt oder liebt, hatte
es früher schwer im Entlebuch», meint er im Theaterfoyer mit einem Seitenblick auf seinen
Lebenspartner. Früher halt.
Auch der Liebe wegen hat Theres ihre Stelle im Kurhaus, wie man heute sagen würde, ge- AKTUELLES
schmissen. Sie hat es zu Alfred in den Aargau verschlagen. Seine Bemerkung, «das Serviertöch-
terli ist mein WK-72-Souvenir aus dem Entlebuch», ist jetzt nicht grad mein Humor. Aber ich
habe ihn ja auch nicht geheiratet, den Alfred.
Der Herrgott hat allerlei Kostgänger, auch unter den Heimweh-Entlebucherinnen und
-Entle buchern. Das merkte ich schon als kleiner Junge, mit am Tisch sitzend und gespannt lau-
schend, wenn Besuch aus dem Gäu oder der Stadt da war. Natürlich gab es auch die engstirnigen AKTUELLES
Kleingeister, die selbstverliebten Plagöris. Doch die meisten waren bodenständige, weltoffene
Macher, die begeistert berichteten von modernen Erntemaschinen, von erfrischenden Theater-
und Konzertbesuchen, asiatischen Touristen mit Sofortbildkameras. So haben diese Entle-
bucherinnen und Entlebucher nicht nur in der Fremde ihren eigenen Horizent erweitert, son-
dern mit ihren vertrauenswürdigen Neuigkeiten aus erster Hand sicher auch im Entlebuch den
einen oder anderen innovativen Aufbruch angestossen und unterstützt. AKTUELLES
Das Schöne an meinem Beruf ist, dass er mich mit Menschen zusammenbringt wie Walti,
Berta, Fritz, Monika, Ruedi oder Theres, die im richtigen Leben auch ganz anders heissen könn-
ten. Ihre Geschichten berühren und inspirieren mich. Immer wieder.
«Am Anfang», so sagt mir Walti noch vor der herzlichen, fast schon freundschaftlichen
Verabschiedung im Weissen Wind, «am Anfang habe ich immer gesagt, ich gehe dann irgend-
wann wieder zurück in mein Entlebuch.» Der abgewetzte Koffer stehe noch im Estrich, er könnte AKTUELLES
gleich morgen aufbrechen. Doch je grösser der Freundeskreis geworden sei, desto kleiner der
Wunsch, zurückzugehen. «Und jetzt, mit den Grosskindern?», schüttelt er bedächtig den Kopf,
«nein, ich bleibe, wo ich bin.»
Ich kann ihm nachfühlen. Es wäre auch für mich nicht so einfach, nach der Pensionierung
nochmal die Zelte abzubrechen. Vor allem, seit wir eine Eigentumswohnung haben.
Klar, ich könnte mich zur letzten Ruhe betten lassen im Entlebuch. Mal sehen. Oder die AKTUELLES
Asche verstreuen lassen auf meinem Lieblingsberg, dem Schimbrig. Der Biiswind würde mich
dann bis nach Flühli tragen. Dahin, wo mein Grossvater vor knapp hundert Jahren aus der Not
heraus aufgebrochen ist in ein neues Leben. Bis nach Schüpfheim. Immerhin.
AKTUELLES
Thomas Lötscher, *1960, Malters
Kabarettist und Autor
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Text. [Aufnahme: zVg]

