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Thomas Lötscher «Veri»
Biiswind
«Wir sind im Fall auch beide aus dem Entlebuch», eröffnet mir der lächelnde ältere Herr nach
meiner Kabarettvorstellung im Weissen Wind in Zürich. Keine fünf Minuten später kenne ich die
halbe Lebensgeschichte von Walti, mache ihm eine Freude, wenn ich vorgebe, mich an das von
ihm beschriebene Heimetli in Hasle zu erinnern.
Ich werde oft nach Auftritten von Menschen mit Wurzeln im Entlebuch auf unsere gemein-
same Herkunft angesprochen. Letzthin sogar im deutschen Konstanz. Offen und herzlich
erzählen sie mir, suchen Schnittpunkte unserer Lebenslinien.
Walti war der Dritte von neun, musste nach der Schulzeit zu Hause mithelfen, bis mit der
Frau des Ältesten eine andere billige Arbeitskraft auf den Hof kam. Zwei Tage nach der Nachricht
eines Verwandten, er hätte dann für den Buben – er war damals zweiundzwanzig – Arbeit ge-
funden, sass er schon in der Holzklasse der SBB auf dem Weg nach Zürich, die Adresse auf einem
fettigen Zetteli, seine wenige Habe in einem einzigen abgewetzten Koffer. Walti erinnert sich
gut an den Aufbruch in sein neues Leben. Ein rauer Wind hätte geweht in der Maschinenhalle,
auch unter den Arbeitern. Später wurde er Hilfsmechaniker bei den Verkehrsbetrieben, Tram-
chauffeur und schliesslich Disponent. Er ist spürbar stolz, es geschafft zu haben, der Walti.
Stolz. Und glücklich mit seiner Berta, wie er sie mir vorstellt. Natürlich auch Entlebucherin,
lacht er zufrieden. Er hätte halt Glück gehabt im Leben.
Ein Glück, das Fritz, er hat mich zu seinem Achtzigsten engagiert, nicht gleich auf Anhieb
gefunden hat. Verdingbub im oberen Amt, froh, wegzukommen als Knecht ins Seetal, nach der
Rekrutenschule in Frauenfeld im Thurgau hängen geblieben, ein kleines Liegenschäftli gehei-
ratet und in der Landi gemostet. «Das Leben ist wie eine Chratte voll Mostobst», philosophiert
er, «man muss sich an die Guten halten und die Faulen aussortieren.» So habe er auch seinen
Frieden mit dem Entlebuch gemacht und ich solle doch bitte Grüsse ausrichten.
Dabei bin ich ja selber schon vor über dreissig Jahren zu neuen Ufern aufgebrochen. Also
neue Ufer ... gleiches Emmenufer, nur ein paar Kilometer weiter unten. Ich bin in Malters ge-
strandet. Aus Bequemlichkeit, einfach um meinen Arbeitsweg zu verkürzen. Kultur und Verei-
nen noch ein paar Jahre treu zu bleiben, war auch einfach: Sechzehn Autominuten über die
Rengg oder zwei Entlebucher Anzeiger lesen im Zug.
Früher waren Reisen aufwendiger und teurer, darum organisierten sich die eingewanderten
Auswanderinnen und Auswanderer in vielen Heimwehvereinen: Entlebucher Vereine gabs nicht
nur im entfernten Zürich, sondern unter anderem auch in Nidwalden, Zug und sogar in Eschen-
bach und Littau. Ihr Vater habe sie immer mitgenommen an die Vereinsanlässe, verrät mir
Monika in der Pause des Meetings. Damals, als ich noch als Unternehmensberater mit Anzug
und Krawatte durch Sitzungszimmer tourte. Meeting, alles in Englisch. «Deinem Akzent im
Englisch nach musst du Entlebucher sein, du redest wie mein Papi», eröffnete Monika schmun-
zelnd das Gespräch. Ich nahms als Kompliment. Auch als Entlebucher Seconda war sie noch
stolz auf ihre Herkunft, betonte, dass ihr Vater ein florierendes Dachdeckergeschäft aufgebaut
habe. Als schwächelnder Jugendlicher vom Hof geschickt, fand er dank seinem Götti eine
Anstellung als Laufbursche, der Rest, so sagt Monika, sei Glück und Fleiss gewesen.

