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Martina Emmenegger Burkart
Schwellenzeit Sterben und Tod
bewusst gestalten
Menschen, Tiere, Wohnorte, Arbeitsstellen: Immer wieder wer- öffnete uns ganz selbstverständlich die Tür, wir gingen eigen-
den wir mit dem Abschied und dem Loslassen konfrontiert. ständig auf Entdeckungsreise, waren beeindruckt von den stei-
Mal ist ein Abschied geplant, wenn zum Beispiel ein Umzug len Treppen und der imposanten Aussicht vom 88 Meter hohen
oder Stellenwechsel ansteht. Doch oft kommt er plötzlich und Turm. Zwar kein Ritual, aber ein unvergessenes Erlebnis, ver-
unvermittelt und stellt unser Leben auf den Kopf. Insbeson- knüpft mit Beerdigung und Gemeinschaft.
dere das Thema Tod fordert viele von uns so stark, dass es zur Als einer meiner Onkel nicht einmal 50-jährig an den Fol-
Überforderung kommen kann. Sterben und Tod sind prägend. gen einer Krebserkrankung starb, waren aus uns Kindern
Wenn es gelingt, diese Schwellenzeit bewusst zu gestalten Jugend liche geworden. Dieser Verlust stimmte uns nachdenk-
und zu durchleben, ist dies eine wunderbare Chance – jeden- licher, denn wir waren dem kindlich-magischen Denken ent-
falls auf den zweiten Blick. wachsen und drei unserer Cousins hatten soeben ihren Vater
verloren. Ist das gerecht? Gibt es einen Gott?
Körper und Seele Einige Zeit danach zog meine verwitwete Tante mit ihren
Schon als Kind war es für mich und meinen Bruder selbst- Kindern um. Doch die neue Familie mit kleinen Kindern, die
verständlich, Katzen und Vögel im Garten zu beerdigen, später in die Wohnung meiner Tante zügelte, fand keine Ruhe.
selbstgebasteltes Holzkreuz inklusive. Als Bauerntochter ge- Ein Mann lächle immer so lieb im Schlafzimmer, berichtete ei-
hörte für mich der Kreislauf des Lebens – werden, wachsen, nes der kleinen Kinder. Für mich ein Lehrstück in Bezug aufs
vergehen – wie selbstverständlich dazu. Loslassen und die Wichtigkeit, sich ebenso um die Seele eines
In einer katholischen Familie im Entlebuch aufzuwach- verstorbenen Menschen zu kümmern und diese zu begleiten.
sen, prägte mich ebenso. Von den Grossfamilien meiner Eltern Heute gefällt mir unter anderem die Idee, ein Fenster zu öff-
starb ab und an ein Mitglied. Für mich als Kind wurden die nen und die Seele der verstorbenen Person ziehen zu lassen.
Rituale und Orte rund um den Tod normal: Aufbahrung im Sarg, Bewusst. Und je nach Vorliebe dazu ein Räucher- oder Klang-
Blumenschmuck, Gebete, Kerzen, Kirche, Musik, Lebenslauf, ritual zu machen.
Friedhof und Leidessen im Gasthaus.
Während die Erwachsenen je nachdem gefasst, traurig Rituale als Anker
oder hilflos waren, gefiel uns Kindern das Zusammensein mit Mein Vater starb mit 65 Jahren an Herzversagen. Beim
den Cousinen und Cousins. Und so kamen wir immer mal wieder Znacht am Küchentisch. Da waren es die Rituale, die uns als
auf kreative Ideen. Während die Erwachsenen bei einem Leid- Familie in dieser Zeit der Überforderung trugen. In unserem
essen noch im «Kreuz»-Saal verweilten, wollten wir Kinder auf Fall führte uns die christlich-katholische Tradition durch diese
den Turm der Pfarrkirche Schüpfheim steigen. Der Sakristan Schwellenzeit. Was begreifen bedeutet, wurde mir an der

