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Martin Unternährer
Immer wieder ein Aufbruch
In einem Konvoi von drei Fahrzeugen breche ich zusammen mit durch die Welt bewegt hat. Es ist schlicht eine Faszination des
etwa 15 Rotkreuz-Mitarbeitenden an einem milden, leicht reg- und der anderen. Ich merke auch, dass mir die Prägung und die
nerischen Spätsommermorgen im vergangenen Jahr in Kiew Identität, welche ich durch meine recht unabhängige, aber
Richtung Westen auf, um am nächsten Tag über die Grenze sehr eingebettete Jugend in Doppleschwand mitbekommen
nach Polen zu gelangen. Es ist eine Routinefahrt, mit der Mit- habe, ein natürliches Vertrauen mitgegeben hat, welches mir
arbeitende das Land verlassen und andere hineinkommen. erlaubt hat, immer wieder weiterzugehen, auf Neues zu.
Nach einem Flug über Warschau kommt meine 30-jährige
Arbeit beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz, kurz Aufbruch in die Welt und wieder zurück
IKRK, zu einem müden und eher ernüchternden Ende. Es wird Mein Aufbruch aus dem Entlebuch hat nach der Schule
mir bewusst, wie sich für mich ein Kreis zu schliessen scheint, eigentlich noch sehr lokal mit einer Bank-KV-Lehre in Wolhusen
welcher Mitte der 80er-Jahre im Alter von 21 Jahren mit mei- angefangen. Der wohl wichtigste Moment für all meine Aufbrü-
nem Aufbruch nach Australien angefangen hat. Ich war da- che war Mitte der 80er-Jahre, als ich in Griechenland die junge
mals etwas naiv, jugendlich impulsiv, und mit viel mehr Liebe Australierin und meine spätere Ehepartnerin Tamara kennen-
als Geld im Gepäck. Heute, mit der anstehenden Pensionie- lernte und ihr nach Australien folgte. Ich musste mich neu ori-
rung, entsteht ein neues Gefühl von Aufbruch, dieses Mal ist entieren, holte meine Matura in Australien auf Englisch nach
es einer, der mich ins Entlebuch zurückbringt. und studierte schliesslich Linguistik und Chinesisch. Während
Mit der Einsicht, die rückblickend und mit zeitlicher Dis- des epochalen, bewegten Jahrs 1989 weilte ich in Peking, wohin
tanz zu wachsen scheint, wird mir klar, was mich immer wieder ich mich ein Jahr nach meinem Studium aufgemacht hatte.
weitergezogen hat, und was mich, wie in einem dieser Wellen- Nach fünf Jahren in Australien und China waren wir An-
kreise, der durch einen Tropfen Wasser entsteht, hinaus und fang der Neunzigerjahre wieder in der Schweiz und lebten in
einer Entlebucher WG in Luzern. Meine internationale Erfah-
rung und die dadurch entstandenen Sprachkenntnisse konnte
ich bei der Caritas anwenden, indem ich Asylsuchende in ver-
schiedenen Zentren im Kanton betreute. Während dieser Zeit
hatte ich viel Kontakt mit Leuten, die aus Kriegsgebieten ge-
flüchtet waren. Mein Interesse wuchs, zu verstehen, wie solche
Situationen entstehen und was Konflikt für Gesellschaften,
Familien und Individuen bedeutet.
Tätigkeit für das Internationale Komitee
vom Roten Kreuz
Zum IKRK kam ich interessanterweise wegen eines ande-
ren Doppleschwanders, Andreas Wigger. Er war schon länger
beim IKRK und seine Erfahrungen als arabischsprechender
Dele gierter, mit viel Kontakt und Verantwortung in Konflikt-
situationen in einem anderen politischen und kulturellen
Martin Unternährer im Interview mit dem Umfeld, haben mich sehr fasziniert.
chinesischen Fernsehen. Zu seinen Auf- Mein erster Einsatz war wohl der mit den extremsten
gaben gehörte auch, das IKRK in den Arbeits- und Lebensbedingungen – er führte mich nach Somalia.
Medien zu vertreten. [Bilder: zVg]
Die Spaltung des Landes hatte 1992 zu riesigen Hungersnöten

