Page 65 - Entlebucher Brattig 2023
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           Gwundrig nach Fernem und Nahem


           Eine sozialanthropologische Feldforschung «bei uns»





           Lea Stadelmann










           Immer wieder sind Personen aus meinem Umfeld          berichte stammt vom britischen Kartografen James
           «gwundrig» und fragen mich, was denn mein Studium     Cook. Dieser bereiste die polynesischen Inselgruppen
           der Sozialanthropologie genau beinhalten würde. Geläu-  im Pazifik und verglich erstmals Phänomene, die unter-
           figer ist wohl die Bezeichnung «Ethnologie» oder der   schiedlichen Inseln oder Regionen gemeinsam waren.
           veraltete Begriff der «Völkerkunde». Manchen ist viel-
           leicht auch die etymologische Abstammung des altgrie-  Die teilnehmende Beobachtung
           chischen Wortes anthropos bekannt, das mit dem neu-
           deutschen Wort «Mensch» übersetzt werden kann. Es     Gegen Ende des 19. respektive zu Beginn des 20. Jahr-
           geht also um den Menschen, der als ein soziales Wesen   hunderts wurden die ersten langfristigen Feldforschun-
           erkannt und in seinen gesellschaftlichen Zusammenhän-  gen in den neu kolonialisierten Gesellschaften Asiens,
           gen untersucht wird. Dies setzten sich auch die Sozial-  Ozeaniens und Afrikas durchgeführt. Dann erkannten
           anthropologin Barbara Waldis und Filmemacher Sándor   europäische Forschende die Komplexität der einst für
           Horváth mit ihrem Film «Die Heimat der wandelnden     «primitiv» gehaltenen Gesellschaften. Beispielsweise
           Seelen» – ein Film über die Region Entlebuch und deren   wurden komplexe Strukturen der Verwandtschaft analy-
           Bewohnerinnen und Bewohner – zum Ziel. Doch dazu      siert, auf denen teilweise eine ganze gesellschaftliche
           später mehr.                                          Ordnung basiert. Die Disziplin institutionalisierte sich
                                                                 zunehmend. Dadurch bildete sich auch eine einheitliche
           Wie aus dem «Gwunder» eine wissenschaftliche          Methode für die Sozialanthropologie: die teilnehmende
           Disziplin wurde                                       Beobachtung; eine Methode zur qualitativen Erforschung
                                                                 einer Gesellschaft. Die teilnehmende Beobachtung
           Die Historie der Sozialanthropologie reicht weit zurück.   wurde erstmals vom polnischen Sozialanthropologen
           Bereits nach dem Zerfall des römischen Reiches entstan-  Bronislaw Malinowski durchgeführt. Bei seiner Feldfor-
           den Versuche, den Menschen und sein Handeln mittels   schung auf den Trobriand-Inseln im Westpazifik machte
           der christlichen Mystik innerhalb seiner Lebenswelt zu   er eine Langzeitstudie, bei der der Wissenschaftler am
           erklären. Beispielsweise verstand die natur- und heil-  gesellschaftlichen Leben in seinem Forschungsgebiet
           kundige Benediktinerin Hildegard von Bingen den Men-  aktiv teilnahm. Dabei galt es, die Balance von Nähe und
           schen als einen Mikrokosmos, der dem Makrokosmos,     Distanz zwischen Forschenden und Natives zu halten,
           der grossen Welt, entspräche. Als sich im Hochmittel-  damit die Studie wissenschaftlich bleibt. Malinowski
           alter die Vormachtkriege germanischer Gesellschaften   war es wichtig, den natives point of view – den Blick der
           zu Ende neigten und das Selbstbewusstsein der germa-  indigenen Bevölkerung – ins Zentrum zu stellen, was
           nischen Völker gestärkt war, entstanden vermehrt Schrif-  damals ein Meilenstein für die Forschung war.
           ten über deren Entstehung. Gleichzeitig häuften sich
           Reiseberichterstattungen, die aus heutiger Sicht jedoch
           nicht wissenschaftlich und empirisch nicht standhaft
           sind, wie beispielsweise Marco Polos Bericht über China
           aus dem 13. Jahrhundert. Diese Berichterstattungen
           zogen sich weiter bis ins 18. Jahrhundert und stimulier-
           ten Neugier, Unternehmungslust und die europäische
           Überlegenheit, die den kolonialen Eroberungszügen als
           Rechtfertigung dienten. Einer der berühmtesten Reise-
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