Page 69 - Entlebucher Brattig 2023
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                                                                 angekommen, geht es durch eine dicke Eisentür ins
                                                                 Freie. Dabei bekommt das Wort «Freie» eine ganz
                                                                 andere Bedeutung. Denn nach nur wenigen Schritten
                                                                 bricht der Weg in eine tiefe Schlucht ab. Oberhalb
                                                                 der Tür ragt die Felswand in den Himmel. Das hier als
                                                                 Notausgang zu bezeichnen, erscheint mir wie englischer
                                                                 Humor. Ohne Seil und Ausrüstung ist hier Schluss. Man
           Schier endlose Gänge
                                                                 sitzt schlicht in der Falle. Also zurück.
           Auf dem Weg zur nächsten Anlage überlege ich mir wei-  Wir verlieren uns weiter in Gängen, vorbei an Wasch-
           tere Möglichkeiten, um solche «Räumlichkeiten» zu nut-  zeilen, Duschen, Toiletten und leeren Räumen. Die
           zen. Pilze züchten vielleicht? In dem Moment sagt Urs:   Erzählungen von Urs über die Anlagen füllen die zum
           «Die nächste Anlage ist viel grösser.» Schlagartig kehrt   Teil gähnende Leere mit Bildern.
           das Prickeln zurück. «Wie viel grösser?» Urs schweigt   Auf der Tour sprudelt Urs über vor Ideen, wie die Anlage
           vielsagend.                                           genutzt werden könnte. Auch mir fallen Dutzend Dinge
           Nach ein paar Minuten parken wir irgendwo im Nir-     ein und ich sage: «Das ist super für Firmen-Events, Virtual
           gendwo. Vom Militär keine Spur, ausser den bekannten   Reality, als Escape Room und vielleicht für ein Felsen-
           Panzersperren, die in Flühli allgegenwärtig sind. Wir   kino oder Übernachtungen?» Auf dem Weg zurück zum
           steigen einen schlüpfrigen, durch den Regen aufge-    Ausgang tauschen wir fleissig Ideen aus. Dann geht es
           weichten Hang hinauf, als der Blick über den Bleiken-  erneut mit dem Auto weiter. Schnell noch eine Anlage
           chopf wandert. Herrlich! Und plötzlich stehen wir davor.   für Minenwerfer von aussen anschauen, danach Rich-
           Eine Drahttür mit einem Schutz aus einer gewellten    tung Sörenberg.
           Eternit- Platte, dahinter eine massive Eisentür. Im Gesicht
           von Urs zeigt sich ein spitzbübisches Grinsen. Mir wird   Mit der Seilbahn weiter
           sofort klar, hinter dieser Tür entdecke ich etwas Beson-
           deres. Es kribbelt im Nacken und ich kann die Vorfreude   Dort halten wir vor einem kleinen Schuppen für eine
           nicht mehr verbergen. Ich will da rein und einen Hauch   Seilbahn. Urs zeigt nach oben. «Da müssen wir hin»,
           dieser militärischen Geheimnisse sehen, spüren, darin   sagt er und steigt den Hang hinauf. Ich folge etwas kurz-
           eintauchen.                                           atmig. Oben angekommen, hält er mir die Tür zu einer
           Als sich schliesslich die Tür öffnet und wir beide die   Art Jagdhäuschen auf, das aus einer schlichten Einrich-
           Taschenlampen einschalten, halte ich die Luft an. Ein   tung zum Essen, Kochen und Schlafen besteht. Er stellt
           schier endloser Gang taucht im Lichtstrahl auf und ich   einen Topf Wasser auf den Herd, dann gehen wir wieder
           weiss, das hier ist es, das «Abenteuerland». Ich bin kein   hinaus. Im Untergeschoss befindet sich ein Lager mit
           Fan des Militärs, aber als ich in diesen langen Stollen   einem Generator, der uns Licht in der Festungsanlage
           eintrete, sehe ich keine Waffen, keine Soldaten, sondern   bringen wird. Wir gehen rüber zum Felsen, wo sich die
           nur ein Bauwerk, welches mich zum Staunen bringt und   Seilbahn und der Eingang in eine weitere Festung befin-
           alle meine Vorstellungen übertrifft.                  det. Urs schmeisst den alten Eintakter-Dieselmotor an
           Urs führt mich durch dieses weit verzweigte Netz von   und setzt für mich die Seilbahn in Gang. Danach geht
           Gängen, Treppen hinauf und hinab. Schritt für Schritt   es in die Anlage, die zwar nicht riesig ist, aber tiefe
           entdecke ich etwas. Von der Ausrüstung ist zwar nichts   Ein blicke in das militärische Leben schenkt. Neben den
           mehr zu sehen, aber einige Details fügen sich im Kopf   Schiessvorrichtungen ist hier noch einiges an Ausrüs-
           zu Bildern zusammen. Urs zeigt auf einige Stellen: «Das   tung vorhanden. In den Schränken befinden sich Not-
           sind Luken für Waffen und da oben Belüftungsrohre mit   kocher, uralte Kerzen, Munition und tatsächlich liegen
           Ventilen für die Sauerstoffmasken. Wäre geschossen    dort auch noch zwei 9-Zentimeter-Festungskanonen.
           worden, wäre man ohne Maske in dem ganzen Rauch       Diese Festungsanlage soll nach Vorstellung des Vereins
           erstickt.» Hinter der nächsten Wand stosse ich auf ein   ein Museum werden. Ich finde das eine gute Idee, um
           gefülltes Wasserreservoir.                            Geschichte zu erzählen und gwundrige Besucher teil-
                                                                 haben zu lassen.
           Ein Notausgang?                                       Wir gehen zurück in die Holzhütte, stellen den Generator
                                                                 aus und Urs macht uns einen «Schwarzen». Nach der
           Es geht immer weiter, noch tiefer hinein in den Berg.   Feuchtigkeit tut der heisse Kaffee mit Schuss gut und
           Auch hier Röhren mit Leitern, die senkrecht nach oben   bereichert unser Gespräch.
           in den Fels geschlagen sind. Notausgänge. Wir steigen
           keine Eisenleitern hoch, sondern nehmen eine Treppe,   Martina Jud, *1968, Sörenberg
           die im Lichtkegel der Lampe nicht enden will. Oben    Freischaffende Kolumnistin
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