Page 66 - Entlebucher Brattig 2023
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eine Unternehmerin, Bäuerinnen, Maler oder ein alter
Jäger. Sie alle erzählen Geschichten aus ihrem Alltag,
geben Einblicke in ihre Arbeit oder erzählen von den
Eigenheiten der Menschen, die im Entlebuch leben.
Der Film zeigt den Gegensatz von Tradition und Innova-
tion auf; Altes trifft auf Neues. Illustriert wird dies bei-
spielsweise am Verkehrsknotenpunkt des Kreisels in
Wolhusen oder der modernen roboterhaften Maschine-
rie der Industrie in der Region. Diese Szenen bilden
einen Kontrast zu den Bildern idyllischer Hügelland-
schaften und saftig grüner Matten, begleitet von traditio-
neller Alphornmusik. Doch schwingt im Film noch eine
weitere Ebene mit, die sich auch in der modernen Tech-
nikwelt weiterzieht und damit den eben genannten
Gegensatz zu durchbrechen vermag: die Ebene des Reli-
giösen, Spirituellen, Mystischen. Diese beinhaltet einer-
seits den hiesig stark verankerten Katholizismus, dem
sich die Protagonistinnen und Protagonisten mehr oder
weniger verpflichtet fühlen. Andererseits sind es auch
die Geschichten von sagenhaften Wesen und Gestalten,
die im Entlebuch seit Generationen weitererzählt wer-
den. Nebst den alltäglichen Arbeiten im Stall einer Bäue-
rin, Geschichten über Jagdausflüge eines alten Jägers
oder auch dem kreativen Schaffen eines Malers existie-
ren jene Sagen und Erzählungen über unerklärliche
Dinge. Beispielsweise, dass eine alte Uhr stehen bleibt,
Ein sagenumwobenes Symbol nachdem die Frau eines Protagonisten gestorben ist. Ob
des Entlebuchs: das Wetterkreuz
(«Türstkreuz»), aufgenommen dieser «letzte Gruss» nun purer Aberglaube oder doch
in Sigigen. [Bild: Lea Stadelmann] Tatsache ist, bleibe dahingestellt.
Wozu der Blick in die Ferne? Der Film gibt Einblicke in verschiedene Lebensrealitäten,
Es scheint also, als triebe der «Gwunder» den Menschen die sich im Entlebuch vereinen und in denen sich die
schon immer an und sei ihm immanent. Die amerikani- eine oder der andere aus dem Entlebuch wohl wieder-
sche Anthropologin Ruth Benedict (1887–1948) war der erkennt. Damit wird einem ein Spiegel vorgehalten. Der
Meinung, dass eine Kultur aus dem Innen und dem Aus- Film ist quasi eine sozialanthropologische Feldstudie
sen verstanden werden muss, um sie in ihrer Ganzheit «bei uns» und zeigt die insbesondere für den Wander-
zu erfassen. Der Blick auf fremde Kulturen schärfe den tourismus beliebte Region aus einer emischen Perspek-
Blick auf die eigene Kultur und liesse eine Selbstreflexion tive – einer Perspektive von innen.
der eigenen Gewohnheiten zu.
Es täte allen Entlebucherinnen und Entlebuchern gut,
Neulich erhielt ich einen Filmtipp von einem Kommilito- für eine Zeit die Heimat zu verlassen, um sie dann mit
nen, der ebenfalls Sozialanthropologie studiert: Der Film – einem neuen Blick zu betrachten, erzählt die Unterneh-
«Die Heimat der wandelnden Seelen» – dokumentiert merin Käthi Friedli-Studer im Film. Hier kann ich ihr nur
die Region Entlebuch und deren Bewohnerinnen und zustimmen. Denn seit ich in Bern studiere, habe ich
Bewohner bei verschiedensten Tätigkeiten im Alltag. Die beispielsweise die von Nagelfluh geformte Hügelland-
Erstausstrahlung im Schweizer Fernsehen liegt zwar schaft des Entlebuchs während meinen Pendelfahrten
bereits über zwanzig Jahre zurück, doch der Film hat bis zwischen Wolhusen und Bern noch mehr zu schätzen
heute nicht an Wert verloren. Im Gegenteil: Als ich den und zu bestaunen gelernt.
Film zum ersten Mal sah, war ich erstaunt, wie vieles
noch gleich ist und womöglich auch noch lange gleich- Lea Stadelmann, *1995, Wolhusen / Bern
bleiben wird. «Die Heimat der wandelnden Seelen» bietet Studentin der Germanistik und Sozialanthropologie
Einblicke in die Lebensrealitäten von Menschen aus der
Region. Die Interviewten im Film sind beispielsweise

