Page 122 - Entlebucher Brattig 2023
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Leta Semadeni – zwei Gedichte
Das Haus meines Vaters hat goldene Türen Aus den Falten des Daches
(meinem Vater gewidmet) fliegen Scharen von nie Gesagtem
Spatzen Kies
Die Fenster betrachten die Welt schlagen gegen das Gemäuer
mit weit geöffnetem Blick fallen auf Knoten von messerscharfem Gras
Alles ist Überraschung! Die Augen gewöhnen sich an die Weiten
Und die Schönheit wächst und wächst
Manchmal klettert der Vater bis in den Tod
aus den Seiten
verlässt den Bücherturm Nie den Spuren folgen!
Bis zum Horizont reichen die Scheinwerfer Aber manchmal etwas sagen
Bis zum Meer um nicht verloren zu gehen
Bis zum schlafenden Löwen
Steine entdeckend Und gehen
unter der Feuersbrunst der Dämmerung mit der Sonne
Sterne ausstreuend über die Wälder
mit ihren Säbelbäumen Der Himmel
ist nur einen Augenblick entfernt
Auf der anderen Seite des Flusses
wohnen zwei Tiere
die es nicht gibt
Tiere
Die Mauer des Friedhofs Immer wieder
ist an die Erinnerung gebunden schleicht ein Tier
mit einem Apfelbaum
durch meine Texte
Unter seinen Ästen hört man Ein Fuchs kommt
die Geschichte von Diogenes um die Ecke
von der Hexe im Schlepptau
von Dohlen und Raben das Pferd
vom Bären mit dem Schokoladenbein
eine Wiese
Die Erdbeeren auf dem Grab sind Ich lasse den Sommer
die grössten über die Grenze ziehen
die süssesten
Berauscht spricht
Und das Herz bricht!
das Pferd
meine Sprache
Wie von einer Nuss
springen die Schalen Der Fuchs
in tausend Stücke
ist in viele Geschichten
verstrickt
Der Sommer ist ein einsamer Ort
der Schatten wirft auf die Seelen
Leta Semadeni, *1944, Lavin
Schweizer Poetin
Vor dem Heuwagen wiehert das Pferd
gegen die moosigen Felsen Beide Gedichte stammen aus der Publikation «Ich bin doch auch
und die verwandelte Frau ein Tier – Eu sun bain eir sco Tü» – erschienen bei Atlantis Zürich,
durchstreift als hungriger Fuchs die Wälder 25. August 2022.

