Page 124 - Entlebucher Brattig 2023
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                   Als junges Mädchen gab es für mich diesen magischen   Trotz der anstrengenden Zeit eröffnete sich mir eine
                   Ort auf einem Hügel in der Nähe der Wissenegg, unweit   Welt, welche ich bis zu jenem Zeitpunkt nur aus Filmen
                   des Bauernhofes, wo ich aufwuchs. Wenn ich mich dort   kannte. Plötzlich befand ich mich auf Privatpartys auf der
                   oben mit Zehenspitzen auf das betonierte Fundament    Dachterrasse eines Wolkenkratzers, genoss als Airline­
                   des Strommastes stellte, konnte ich bei guter Witterung   Angestellte kostenlose Strandzugänge in namhaften
                   sogar die Rigi erkennen. Obschon verzaubert vom ein­  Hotels und profitierte von Vergünstigungen in prämier­
                   drucksvollen Panorama, rätselte ich häufig darüber, was   ten Restaurants. War ich nicht gerade beruflich unter­
                   sich hinter den hohen Bergen verbarg. Es war vermut­  wegs, packte ich meinen Rucksack und begab mich auf
                   lich diese fortwährende Neugierde und die Faszination   den nächsten Solo­Trip. Die Welt schien plötzlich klein
                   für alles Fremde, welche mich ein Jahrzehnt später an   und lag mir praktisch zu Füssen. Da war ich also: Das
                   einem verschneiten Februarsamstag dazu antrieben, ein   Mädchen aus dem idyllischen Dorf Finsterwald, inmitten
                   Assessment von einer bekannten Airline aus den Golf­  der schillernden Millionenmetropole Dubai. Als eine von
                   staaten zu besuchen.                                  (damals) über 30 000 Flight Attendants einer renom­
                                                                         mierten Airline. Gleichzeitig war ich mit meinem Lebens­
                   «For you, flying to New York is like walking to New   stil Zeugin und gefühlt auch Mittäterin von Klassen­
                   York.» Das waren die ersten Worte von Mira, welche    gesellschaft, Ungleichheit und Umweltverschmutzung.
                   ursprünglich aus Libanon kommt und hauptberuflich     Ein Paradox, welches mich nach wie vor zum Nach­
                   Flugbegleiterinnen und ­begleiter auf der ganzen Welt   denken bringt.
                   rekrutierte. Sie machte damit unmissverständlich klar,
                   dass man in diesem Job weitaus mehr beherrschen       Lebensschule auf Wolkenhöhe
                   muss, als das Dauerlächeln und die Fähigkeit, ein Schin­
                   ken­ von einem Käsesandwich zu unterscheiden. Es      Wesentlich leichter fällt es mir, über meine Erlebnisse
                   folgte ein vollgepacktes Programm aus Rollenspielen,   in der Luft zu sprechen. Seltsamerweise fühlte sich die
                   Körpergrössen­Checks, Sprachtests und langwierigem    Zeit im Flugzeug für mich nie wie Arbeit, sondern viel­
                   Warten zwischen den einzelnen Casting­Runden. Bis     mehr wie ein sozialpsychologisches Experiment an. Ich
                   heute weiss ich nicht genau, nach welchem «Typ» Flight   meine, stellen Sie sich vor: Auf jedem Flug werden Sie
                   Attendant Mira damals Ausschau hielt. Oder warum      mit ungefähr 28 – meist fremden – multinationalen Per­
                   gerade ich aus anfänglich 150 Personen einige Tage    sonen zusammengewürfelt. Sie haben die Aufgabe, als
                   nach meinem 21. Geburtstag im April 2015 einen Anruf   Team während einer bestimmten Zeit in einer riesigen
                   aus den Arabischen Emiraten erhielt. Nur drei Monate   Maschine (welche notabene Platz böte für die gesamte
                   später verabschiedete ich mich mit einem One­Way­     Bevölkerung meines Heimatdorfes) den Gästen eine
                   Ticket und 50 Kilogramm Gepäck von meinen Liebsten    sichere und unvergessliche «Flight Experience» zu bieten.
                   am Flughafen Zürich und wanderte für unbestimmte Zeit   Um das Ganze noch spannender zu machen, wird das
                   nach Dubai aus.                                       Experiment ergänzt durch unabsehbare Spezial effekte
                                                                         wie Turbulenzen, medizinische Notfälle oder auch mal
                   Zwischen zwei Welten                                  einen Heiratsantrag in der Bordküche.

                   Die ersten Monate in meiner neuen Heimat waren eine   Seither bin ich mir zumindest sicher: Es gibt nichts, was
                   Achterbahnfahrt der Gefühle und geprägt durch Kultur­  es nicht gibt. Trotzdem sind es genau jene Situationen,
                   schock, unzählige Behördentermine, medizinische Eig­  welche mir in bester Erinnerung bleiben. Nachträglich
                   nungsabklärungen und durch die intensive Ausbildung.   wage ich sogar zu behaupten, dass mich die Zeit in der
                   Ob ein rapider Druckabfall über San Francisco, ein Kreis­  Kabine viel mehr über Inklusion, Diversität und dem
                   laufkollaps bei Passagier 37B oder dichte Rauchschwa­  wohlwollenden Umgang mit unseren Mitmenschen
                   den innerhalb der Kabine, es gab sozusagen keine Situa­  gelernt hat, als es wohl sonst jemals etwas anderes
                   tion, welche die insgesamt 17 Flugzeugsimulatoren des   hätte tun können. Wo sonst kommen so viele verschie­
                   Aviation­Colleges nicht nachstellen konnten. Daneben   dene Menschen mit ihren individuellen Bedürfnissen
                   galt es, sich die Gepflogenheiten einer Premium­Airline   und Geschichten zusammen? Ich erinnere mich mit
                   anzueignen. Dies etwa bei der korrekten Platzierung des   einem Schmunzeln an einen Nachtflug nach Dakar, als
                   Tassenuntersetzers oder der konformen Tragweise der   ich einen jungen Herrn dabei ertappte, wie er von der
                   Uniform. So verbrachte ich meine Freizeit vorwiegend mit   Economy­Class durch den Trennvorhang in die Business­
                   Lernen und der Suche nach der passenden DEN­Stärke    Class verschwand. Er schilderte mir, dass er doch nur
                   bei Feinstrumpfhosen.                                 auf die Toilette müsse, worauf ich meinte, dass dies
                                                                         nicht möglich sei. Selbstbewusst erwiderte er darauf:
                                                                         «Shit has no class.» Wo er recht hat, hat er recht.
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