Page 117 - Entlebucher Brattig 2023
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           der die Besonderheit der Wunderkammer ausmacht, im    Sammlungen bestanden oft aus edlen Materialien, reprä-
           Verlauf des 19. Jahrhunderts in Vergessenheit. 3      sentierten also das Selbstverständnis ihrer adligen Besit-
           Die Kunstgeschichte hat das Phänomen der Wunder-      zer. Für Livia Müller und Carina Sommer war es wichtig,
           kammern erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder-   dass das Mobiliar für ihre Wunderkammer die einfache,
           entdeckt. In den 1930er-Jahren waren es vor allem die   früher ärmliche bäuerliche Welt des Entlebuchs spiegelt.
           Surrealisten, die sich für seltene, kuriose Objekte, ins-  Sie machten sich in den Brockenhäusern der Region
           besondere auch für «objets trouvés» interessierten. Sie   auf die Suche und fanden unter anderem Lattenroste
           untersuchten die Fähigkeit der Objekte, verschiedenen   für die Lagerung von Obst und Teile einer Kartoffelernte-
           Realitäten anzugehören und so die Wirklichkeit in Frage   Maschine.
           zu stellen. 4                                         Das Auswählen, Auslegen und Anordnen der Objekte war
           In den 1990er-Jahren kommt es zu einer eigentlichen   ein gemeinsamer, dialogisch funktionierender Prozess
           Renaissance der Wunderkammern, einerseits in den      zwischen den beiden Künstlerinnen. Carina Sommer ist
           Museen, die grosse Ausstellungen und Rekonstruktions-  eine Spezialistin für Naturmaterialien, die sie in ihrem
           versuche präsentieren, andererseits durch zeitgenössi-  künstlerischen Schaffen erforscht und einsetzt. Livia
           sche Kunstschaffende, die das Phänomen für eigene     Müller ist fasziniert von der Schnittstelle zwischen Kunst
           künstlerische Modelle nutzen, mit denen sie die hoch-  und Technik und hat unter anderem über ihre Mitarbeit
           komplexe Gegenwart ordnen. 5                          im «Labor Luzern»  ein fundiertes Wissen in den Berei-
                                                                                  6
                                                                 chen Elektronik, Mechanik und Informatik.
           Die Wunderkammer Schratteflue von Livia Müller        Ausschlaggebend für die Ordnung der Wunderkam-
           und Carina Sommer                                     mer war für die beiden Künstlerinnen immer die Frage,
                                                                 ob die Objekte durch ihre Nachbarschaft neue Inhalte
           Die Wunderkammer war für Livia Müller und Carina      erschliessen und Assoziationen in den Betrachterinnen
           Sommer die ideale Form für ihre Suche nach dem Wesen   und Betrachtern wecken.
           der Schratteflue. Geologie, Vegetation und vom Men-   Livia Müllers und Carina Sommers Wunderkammer regt
           schen verursachte Zerstörung formten die Schratteflue   an, sich von der Anordnung der Dinge leiten zu lassen
           zu dem, was sie heute ist.                            und diese miteinander und zur Schratteflue in Beziehung
           Das Karstgebiet besteht aus Schrattenkalk, einer Meeres-  zu setzen. Plötzlich hängt alles mit allem zusammen, leise
           ablagerung aus der frühen Kreidezeit, ist also etwa 100   Verunsicherung macht sich breit: Haben wir nun etwas
           Millionen Jahre alt. Über die Jahrtausende hat der leicht   verstanden oder im Gegenteil die Übersicht vollständig
           saure Regen das Kalkgestein ausgewaschen und ein-     verloren? Haben wir uns beeindrucken lassen von einer
           drückliche Gesteinsformationen und ein weitverzweigtes   Ordnung, die gar keine ist? Das verspielte Weltmodell
           Höhlensystem hinterlassen.                            der beiden Künstlerinnen kann ironisch und ernst ver-
           Die Schratteflue ist landschaftlich vielgestaltig und besitzt   standen werden – als Hinweis auf die Unmöglichkeit
           eine reiche Biodiversität. Von 1945 bis 2004 betrieb die   einer Ordnung und als Aufruf, verlorene Zusammen-
           Schweizer Armee östlich von Sörenberg den Schiess-    hänge wieder zu entdecken.
           platz Wagliseichnubel. Es wurden schätzungsweise meh-
           rere zehntausend Schüsse pro Jahr auf das Zielgelände,   Bettina Staub, *1968, Sursee
           das am Rand von sensiblen Hochmooren am Fuss der      Kunsthistorikerin und Kuratorin
           Schratteflue lag, abgefeuert. Erst vor wenigen Jahren   Präsidentin des Berufsverbandes Visarte Zentralschweiz
           konnte der Schiessplatz rückgebaut und die kontami-
           nierte Erde entsorgt werden.
           Für Livia Müller und Carina Sommer stand ganz zu      1  https://atelierschmiede.ch/projekte/schratteflue-teufel- hengst-und-
           Beginn ihrer Arbeit das Sammeln von Fundstücken vor   jungfrau/ (aufgerufen am 24. August 2022).
                                                                 2  Siehe dazu die Klassifizierung von Samuel Quiccheberg (1529 –
           Ort: scharfkantige Steine in bizarren Formen, Totholz,
           vom Wetter und den Jahreszeiten geschliffen, und      1567), Kustos der Münchner Kunstkammer, in: Gabriele Bessler,
                                                                 «Wunderkammern. Weltmodelle von der Renaissance bis zur Kunst
           die zerfetzten, verrosteten Fragmente von schwerem    der Gegenwart, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2009, S. 85.
           Geschütz. Steine, Hölzer und Munitionsteile als charakte-  3  Ebd., S. 16.
           ristische «objets trouvés» von der Schratteflue nehmen   4  Patrick Mauriès, «Das Kuriositätenkabinett», DuMont Buchverlag,
           deshalb in ihrer Wunderkammer den grössten Raum ein.   Köln, 2011, S. 216.
                                                                 5  Gabriele Bessler, «Wunderkammern. Weltmodelle von der
           Als begeisterte Sammlerinnen konnten die Künstlerinnen
                                                                 Renaissance bis zur Kunst der Gegenwart, Dietrich Reimer Verlag,
           aber auch auf einen zusätzlichen Fundus zurückgreifen,   Berlin 2009, S. 17–18.
           um die Objekte von der Schratteflue zu ergänzen.      6  https://laborluzern.ch/ (aufgerufen am 24. August 2022).
           Jede Wunderkammer braucht Mobiliar zur Präsentation
           der Objekte. Die Vitrinen und Schränke in den fürstlichen
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