Page 127 - Entlebucher Brattig 2023
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Im Vergleich dazu fast schon niedlich war, was ich vor
einem bewohnten Fuchsbau im Auenwald erlebte. Ich
hatte dort die Kamera auf ein Stativ gestellt. Mittels
Fernbedienung wollte ich aus meinem Versteck Bilder
machen. Und wirklich: nach einer Weile kamen drei
muntere Welpen aus dem Bau. Darauf geschah das
Unglaubliche. Ein kleiner Kerl sprang an der Kamera
hoch, leckte am Objektiv und stiess dann das Stativ
samt Apparat um. Mein teures Gerät wurde wortwört
lich zum Spielzeug der balgenden Wildlinge!
Gämsböcke vor dem Fernglas
«Das verrückteste Naherlebnis hatte ich an einem sonni
gen Abend auf dem Berg», erinnert sich der Jäger und
Lehrer Heinrich Felder. Er sei hinter einem von Brombeer
stauden umrankten Tannenstock versteckt gewesen.
«Durch den Feldstecher beobachtete ich zwei weit ent
fernte Rehe, da wurde es vor den Gläsern plötzlich dun
kel», erzählt der Jäger. Was war los? Auf der anderen
Seite des Tannenstocks hatten zwei stattliche Gäms böcke
angewechselt. «Ich blieb mucksmäuschenstill, die Gäm
sen aber starrten aus nächster Nähe meinen Feld stecher
an», beschreibt Felder die Begegnung. Schliesslich habe
der eine damit begonnen, Blättchen von der Brombeer
staude zu äsen. Und der naturliebende Jäger? Er war
einmal mehr perplex und fragte sich: «Was mag sonst
scheue Wildtiere dazu bewegen, sich uns Menschen
Heinrich Felder, Schüpfheim auch einmal auf wenige Schritte zu nähern? Ist es tat
[Bild: Romano Cuonz] sächlich Gwunder?»
Aus wissenschaftlicher Sicht ist Gwunder ein Instinkt,
völlig Sinnwidrigem? Oder sind auch Tiere schlicht und der den meisten Tieren innewohnt. Ihr natürlicher «For
einfach gwundrig? Wir wissen es nicht. Oft gestaunt schungsdrang» – oder gelehrter ausgedrückt, ihr «Erkun
haben wir mit unseren Kindern auch über Murmeltiere, dungsverhalten» – lässt sie dazulernen. Und mit der Zeit
die ein übers andere Mal den Kopf aus ihrem Bau streck schlauer werden. Letztendlich sichert Gwunder Tieren
ten, um Menschenwesen neugierig zu mustern. Oder in der Wildnis das Überleben. Ja, vielleicht gilt auch für
über die Verspieltheit von Fischottern. Über junge Mar Tiere, was der bekannte deutsche Informationsvermittler
der, die uns aus einem Stein haufen nachgerade freche Boris Jäger einst festgehalten hat:
Blicke zuwarfen. «Neugier ist der Beginn allen Lernens.»
Schier unglaublich tönt, was ein Biologiestudent mit
mir bei der «Fotojagd» auf Auerwild erlebte. Ein wuch Romano Cuonz, *1945, Sarnen
tiger Hahn, den wir mit Balzgeräuschen ab Tonband Journalist, Publizist und Naturfotograf. www.cuonz.ch
anlockten, flog plötzlich auf unser FotoTarnzelt. Wir
erschraken fürchterlich und zogen eiligst unsere Köpfe
ein. Ein ebenso gefährliches wie interessantes Zusam
mentreffen hatte ich im Elsass mit Wildschweinen. Ich
war gerade von meinem Hochsitz heruntergestiegen,
als plötzlich eine ganze Rotte aus dem Dickicht kam.
Natürlich führte ich sofort die Kamera vors Auge. Doch Ist es Neugier, ist es Gwunder
«ohalätz»! Ein wuchtiger Keiler kam mit schnellen Schrit oder einfach nur Vorsicht?
Bei den folgenden Momentauf
ten auf mich zu. Bedrohlich! Ich floh, «was gisch, was nahmen verschiedenster Tierarten
hesch», die Leiter hoch, zurück auf den Hochsitz. Gerade könnten diese Blicke durchaus
noch rechtzeitig. Der Gwunder dieses Tieres hätte ins als gwundrig oder neugierig inter
pretiert werden.
Auge gehen können! [Bilder: Romano Cuonz]

