Page 126 - Entlebucher Brattig 2023
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Warum starren uns Wildtiere oft minutenlang an?
Gwundrig sein bedeutet in der Tierwelt Erkundung
Romano Cuonz
«Wer nicht neugierig ist, erfährt nichts.» seines Verstecks geäugt. «Dann kam sie noch näher und
(Johann Wolfgang von Goethe) begann beruhigt zu äsen, schliesslich legte sie sich gar
vor mich hin», schildert Felder das seltsame Erlebnis.
Der Dichterfürst, der sich auch für Naturwissenschaften Eine andere wundersame Begegnung hatte der Jäger
sehr interessierte, bezog diesen Satz in erster Linie auf in der Brunftzeit. «Ich beobachtete, wie ein Rehbock auf
den neugierig forschenden Homo sapiens. Doch geübte dem Waldweg zwei Reitern nachrannte. Hinter ihm lief
Beobachter stellen Gwunder, im durchaus positiven Sinn, die Geiss, normalerweise ist es ja genau umgekehrt»,
auch in der Tierwelt fest. Biologen nennen es «Erkun erzählt Felder. Wie er sich nun hinter einen Baum stellte
dungsverhalten» oder – aus eher menschlicher Sicht – und mit dem RehFiep – einem wirkungsvollen Lock
auch «Neugierverhalten»! Auffällig ist, dass erkundende instrument für die Bocksjagd – einige Töne erzeugte,
Tiere sich für gewöhnlich sehr langsam bewegen. «Ein kam der Rehbock zurück. «Unmittelbar vor mir positio
dringlinge» in ihr Revier, aber auch unerwartete Gegen nierte er sich», schildert Felder. «Mit tief gesenktem Haupt
stände, werden intensiv beäugt, beschnüffelt oder gar stand er da und inspizierte mich gefühlte Minuten lang.»
benagt. So erweitern Tiere ihren Aktionsraum. Sie lernen Felder vermutet: «Das muss ein Triebverhalten gewesen
Unbekanntes, zum Beispiel neues Futter, kennen. Nicht sein, der Bock war wohl ‹gwundrig›, welch fremde Geiss
erstaunlich, dass man Gwunder vor allem auch bei Jung ihn mit dem Fiepen reizen wollte.» Den Finger am Abzug
tieren feststellt. Sie müssen ja unentwegt Neues lernen. krümmte Felder nach dieser Begegnung nicht. Seine
Jagdflinte blieb, nicht zum ersten Mal, stumm.
Wo selbst der erfahrene Jäger staunt
Kameras wecken Neugier der Tiere
Heinrich Felder – früherer Rektor der Kantonsschule
Schüpfheim – ist seit 35 Jahren ein passionierter Jäger. Auch als stiller Jäger mit Kamera und Teleobjektiv staunt
Er sagt: «Komme ich in der Natur zu einem Naherlebnis man oft. Nie vergessen werde ich, wie ich an einem
mit einem Wildtier, frage ich mich Mal für Mal, ob es von Oktobermorgen aus dem NationalparkUrwald auf eine
einem Trieb gesteuert, einfach nur vorsichtig oder eben Lichtung trat und völlig unverhofft einem Hirschstier mit
doch ‹gwundrig› ist.» Beginnt der erfahrene Waidmann mehreren Kühen gegenüberstand. Normalerweise flieht
einmal damit, von solchen Begegnungen zu berichten, das argwöhnische, scheue Rotwild binnen Sekunden.
betont er stets von Neuem, dass es sich dabei nicht etwa Doch dieser Stier machte gar einige Schritte auf mich
um Jägerlatein handle. zu, legte sein stattliches Geweih über den Rücken und
Es war an einem frühen Morgen in diesem Sommer. röhrte so laut, dass es aus den Bäumen widerhallte. Auch
Felder robbte indianermässig einer Schwarzdornhecke das bestimmt fünfzigfach wiederholte Geräusch beim
entlang zu einer Grube, die er vorbereitet hatte. Die Auslösen meiner Kamera schien das prächtige Tier nicht
Wärmebildkamera hielt er in Bereitschaft. Noch war abzuschrecken. Eher interessierte es sich für mich. Die
es dunkel. «Plötzlich hörte ich das heisere Bellen einer Erfahrung, dass Tiere Kameras voller Neugierde ent
schreckenden Rehgeiss», erzählt der Jäger. Er habe gegentreten, machen auch Wildbiologen immer wieder.
schon gedacht, dass das Tier nun unverzüglich fliehe, Sei es nun der scheue Luchs, der misstrauische Wolf
weil es ihn wahrgenommen hatte. «Doch das Gegenteil oder gar ein tappiger Bär: immer kommt es vor, dass die
war der Fall», sagt Felder. Die Geiss habe sich langsam Raubtiere festmontierte und gut getarnte Wildkameras
und leise auf ihn zubewegt. Minutenlang habe das Tier nachts beschnuppern oder gar angreifen. Ist es die instink
direkt vor ihm verharrt und immer wieder in Richtung tive Abwehr einer Gefahr? Ist es das Interesse an etwas

