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               In einem Atemzug bis zum Ziel









               Priska Christen












               Für die Diplomarbeit der   Die Startnummer F 540 hängt gut sichtbar an meinem weissen T-Shirt, der gelbe Chip,
               Studienrichtung Graphic    der meine genaue Laufzeit messen wird, steckt fest montiert am Schnürsenkel meines
               Design an der Schule für
               Gestaltung Luzern (1996)   rechten Schuhs, sodass ich nun die zweiundvierzigtausendeinhundertfünfundneunzig
               widmete ich mich der Faszi-  Meter lange Marathondistanz zusammen mit neunzehntausendfünfhunderteinund-
               nation «Langstreckenlauf».
               Um die Thematik ganzheitlich  dreissig weiteren LäuferInnen in Angriff nehmen kann, immer entlang der auf das
               zu erfahren, entschied ich  Pflaster gemalten blauen Linie, die mich Schritt für Schritt durch die Stadt Berlin führt,
               mich, einen Marathon auch  von der ich jedoch ausser dem Brandenburgertor kaum Notiz nehme, da ich mich
               selbst zu laufen – nämlich
               jenen von Berlin.          hauptsächlich auf meinen Laufrhythmus konzentrieren muss, immer darauf bedacht,
               Ich arbeitete nun an einer theo-  mit meinen Körperkräften geschickt zu haushalten, an den regelmässig verteilten
               retischen Abhandlung über das
               Laufen, trainierte gleichzeitig  Verpflegungsstellen meinen Flüssigkeitsverlust durch genügenden Wasserkonsum
               fast täglich für mein Vorhaben  wieder wettzumachen, gleichzeitig nach einem kleinen Stück Banane zu schnappen,
               und visualisierte mein Thema
               schliesslich in Form einer  um dann nach dem kurzen Unterbruch wieder meinen Rhythmus zu finden – Schritt für
               Wandinstallation:          Schritt – vor, neben und hinter fremden Menschen trabend, immer noch munter und
               Auf einer blauen Linie schrieb  empfänglich für die Anfeuerungsrufe der ZuschauerInnen, die in Massen die Strecke
               ich einen einzigen, 7,03 m lan-
               gen Satz (Marathonlänge von  säumen und zusammen mit Musikbands die LäuferInnen antreiben und auch mir stets
               42,195 km im Massstab 1:6000)  neue Kraft verleihen, damit ich mein Vorhaben schon der vielen einsamen Trainings-
               in einer Schriftgrösse von 14
               Punkt. Unter der Textzeile ver-  runden und den Glückwünschen vieler Bekannten wegen zu Ende führen kann, bisweilen
               lief eine Scala mit der genauen  aber noch mittendrin stecke, meinen Blick an die vor mir wippenden Rücken hefte,
               Kilometerangabe. Unter- und  dabei viele LäuferInnen überhole und gleichzeitig von vielen LäuferInnen überholt
               oberhalb der Linie platzierte ich
               quadratische Bild- und Text-  werde, Blicke tausche, Worte wechsle und mich weitertreiben lasse – Schritt für Schritt
               marken, die den Verlauf des  näher zum Ziel, das noch in ungewisser Ferne liegt, aber durch die Schilder mit den
               physischen und psychischen
               Befindens visualisieren sollten.  Kilometerangaben sichtbar näher rückt, sodass ich mich an die Zahlen klammern und
                                          ausrechnen kann, wie weit es denn noch ist und aufatme, wenn ich den Kilometer fünf-
               Den nebenstehenden «Mara-  zehn aber auch den Kilometer einundzwanzig oder achtundzwanzig erblicke – aufatme,
               thonsatz» können Sie nun in
               einem Atemzug lesen – er bein-  trotzdem ich feststelle, dass die tausend Meter jedesmal länger und die Beine immer
               haltet mein Lauferlebnis in  schwerer werden, genau wie ich es Wochen zuvor in Laufbüchern lesen konnte und
               Berlin.
                                          nun – Schritt für Schritt – selber erfahre, aber im Moment kaum realisiere, bei Kilo-
                                          meter fünfunddreissig nochmals Wasser tanke, mich auf die noch verbleibenden sieben
               Priska Christen, *1959, Luzern
                                          Kilometer konzentriere und gleichzeitig die schweren Beine vorantreibe, Schritt für
               Grafikerin und Primarlehrerin
                                          Schritt, die Sinnfrage verdrängend, nur noch «Schritt für Schritt-Gedanken» im Kopf,
                                          auch noch auf dem Kurfürstendamm, gerade da, wo ich es doch erreicht habe, das
                                          Ziel
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