Page 70 - Entlebucher Brattig 2019
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In einem Atemzug bis zum Ziel
Priska Christen
Für die Diplomarbeit der Die Startnummer F 540 hängt gut sichtbar an meinem weissen T-Shirt, der gelbe Chip,
Studienrichtung Graphic der meine genaue Laufzeit messen wird, steckt fest montiert am Schnürsenkel meines
Design an der Schule für
Gestaltung Luzern (1996) rechten Schuhs, sodass ich nun die zweiundvierzigtausendeinhundertfünfundneunzig
widmete ich mich der Faszi- Meter lange Marathondistanz zusammen mit neunzehntausendfünfhunderteinund-
nation «Langstreckenlauf».
Um die Thematik ganzheitlich dreissig weiteren LäuferInnen in Angriff nehmen kann, immer entlang der auf das
zu erfahren, entschied ich Pflaster gemalten blauen Linie, die mich Schritt für Schritt durch die Stadt Berlin führt,
mich, einen Marathon auch von der ich jedoch ausser dem Brandenburgertor kaum Notiz nehme, da ich mich
selbst zu laufen – nämlich
jenen von Berlin. hauptsächlich auf meinen Laufrhythmus konzentrieren muss, immer darauf bedacht,
Ich arbeitete nun an einer theo- mit meinen Körperkräften geschickt zu haushalten, an den regelmässig verteilten
retischen Abhandlung über das
Laufen, trainierte gleichzeitig Verpflegungsstellen meinen Flüssigkeitsverlust durch genügenden Wasserkonsum
fast täglich für mein Vorhaben wieder wettzumachen, gleichzeitig nach einem kleinen Stück Banane zu schnappen,
und visualisierte mein Thema
schliesslich in Form einer um dann nach dem kurzen Unterbruch wieder meinen Rhythmus zu finden – Schritt für
Wandinstallation: Schritt – vor, neben und hinter fremden Menschen trabend, immer noch munter und
Auf einer blauen Linie schrieb empfänglich für die Anfeuerungsrufe der ZuschauerInnen, die in Massen die Strecke
ich einen einzigen, 7,03 m lan-
gen Satz (Marathonlänge von säumen und zusammen mit Musikbands die LäuferInnen antreiben und auch mir stets
42,195 km im Massstab 1:6000) neue Kraft verleihen, damit ich mein Vorhaben schon der vielen einsamen Trainings-
in einer Schriftgrösse von 14
Punkt. Unter der Textzeile ver- runden und den Glückwünschen vieler Bekannten wegen zu Ende führen kann, bisweilen
lief eine Scala mit der genauen aber noch mittendrin stecke, meinen Blick an die vor mir wippenden Rücken hefte,
Kilometerangabe. Unter- und dabei viele LäuferInnen überhole und gleichzeitig von vielen LäuferInnen überholt
oberhalb der Linie platzierte ich
quadratische Bild- und Text- werde, Blicke tausche, Worte wechsle und mich weitertreiben lasse – Schritt für Schritt
marken, die den Verlauf des näher zum Ziel, das noch in ungewisser Ferne liegt, aber durch die Schilder mit den
physischen und psychischen
Befindens visualisieren sollten. Kilometerangaben sichtbar näher rückt, sodass ich mich an die Zahlen klammern und
ausrechnen kann, wie weit es denn noch ist und aufatme, wenn ich den Kilometer fünf-
Den nebenstehenden «Mara- zehn aber auch den Kilometer einundzwanzig oder achtundzwanzig erblicke – aufatme,
thonsatz» können Sie nun in
einem Atemzug lesen – er bein- trotzdem ich feststelle, dass die tausend Meter jedesmal länger und die Beine immer
haltet mein Lauferlebnis in schwerer werden, genau wie ich es Wochen zuvor in Laufbüchern lesen konnte und
Berlin.
nun – Schritt für Schritt – selber erfahre, aber im Moment kaum realisiere, bei Kilo-
meter fünfunddreissig nochmals Wasser tanke, mich auf die noch verbleibenden sieben
Priska Christen, *1959, Luzern
Kilometer konzentriere und gleichzeitig die schweren Beine vorantreibe, Schritt für
Grafikerin und Primarlehrerin
Schritt, die Sinnfrage verdrängend, nur noch «Schritt für Schritt-Gedanken» im Kopf,
auch noch auf dem Kurfürstendamm, gerade da, wo ich es doch erreicht habe, das
Ziel

