Page 66 - Entlebucher Brattig 2019
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Ein Moment der Ernüchterung und Stille trat ein. Da
schlug Luisa vor: «Was haltet ihr davon, das Stück bei
uns im Museum aufzuführen? Herbert und ich stellen
unsere Exponate über Reisen und Tourismus aus den
verschiedenen Jahreszeiten und Epochen an einem Ort
zusammen auf. Ein paar Exemplare nehmen wir auf
die kleine Bühne im Saal, um das Szenenbild zu ver-
grössern.» «Was für eine tolle Idee», riefen Martin und
Gisela einstimmig. «Prima, wenn das Bühnenbild schon
steht, dann arbeite ich Details verschiedener Gegen-
die Strecke plus Zuschlag verrechnet.» Alle lachten, stände heraus. Was meint ihr?», fuhr Luisa weiter fort.
da meldete sich Marlis zu Wort. «Wie soll ich mir das vorstellen?», hakte Thomas nach.
«Ich habe als Kind oft auf dem Dachboden meiner Tante «Ich nehme einzelne Ausstellungsstücke aus den Jahres-
gespielt und irgendwann einen alten Strohkoffer ent- zeiten und Epochen, schreibe Geschichten dazu auf und
deckt. Als ich diesen abstaubte, fing er an, mit mir zu stelle sie nach Möglichkeit so hin, dass der Besucher zur
reden. Da kannst du ruhig die Augen verdrehen, liebe Bühne und zur Ausstellung geführt wird. Ich denke, ich
Katrin. Es war so. Klar habe ich später gedacht, das war kann sogar mit den Gegenständen die Geschichte einer
meine Phantasie, aber bei einem Familienfest habe ich Person erzählen, wie der Tourismus damals war und
eine seiner Geschichten erzählt und obwohl ich glaubte, wie die Menschen überhaupt in die Region gekommen
die Geschichte sei ausgedacht, sagte mir eine Tante, sind,» antwortete Luisa. «Die Idee ist klasse», begeis-
dass einem Uronkel genau das passiert war. Seither terte sich nun auch Katrin. «Wir erzählen Geschichten
staube ich den Koffer, der bei mir im Keller liegt, regel- aus dem Koffer und du über den Koffer.»
mässig ab und hoffe, er redet wieder mit mir.»
Erheitert verstrickte sich die kleine Runde in Reise-
geschichten von früher und heute. Entfernungen, die
damals nicht zu überwinden schienen, stellen ja heute
nur noch Katzensprünge dar. Aus geflochtenen und
ledernen Koffern sind inzwischen farbenfrohe Trollys
auf vier Rädern geworden und aus heimlichen Liebes-
briefen verschlüsselte E-Mails. Ein Hauch Wehmut nach
alten Zeiten lag in der Luft.
«Das ist es! Wir machen ein Theaterstück über diese
Dinge. Persönliche und zutiefst menschliche Anekdoten,
in denen sich die Leute erkennen und spiegeln können.
Wir nehmen unsere Fundstücke und packen diese in den
Koffer von Marlis. Den stellen wir dann auf die Bühne.
Daraus entnehmen wir nacheinander unsere Gegen-
stände und erzählen die Geschichte dazu», schlug
Martin vor. Diese Idee begeisterte die kleine Runde und «Somit hätten wir auch gleich einen Titel für unser
es entbrannte eine heisse Diskussion, wer was mit- Stück, nämlich Koffergeschichten», bemerkte Marlis.
bringen und zum Besten geben könnte. Sie schlüpften «Gisela, wollen wir beide noch einen Flyer entwerfen,
bereits jetzt am Tisch in ihre Protagonisten und feilten der unsere Besucher auffordert, uns ihre Geschichten zu
an Erzählungen. Gemeinsam würden sie über die Ver- erzählen? Vielleicht gewinnen wir sogar unsere Zeitung,
knüpfungen der einzelnen Erlebnisse nachdenken und die beste historische Geschichte über den Tourismus
sie weiterentwickeln. Gisela, die für die Gestaltung der zu drucken? Das wird ein Spass», freute sich Luisa und
Bühnenbilder verantwortlich war, beschrieb die Bilder, die beschäftigte sich im Geist schon mit der neuen Ausstel-
ihr durch den Kopf gingen und bremste den Enthusiasmus lung über den damaligen Tourismus in ihrer Region.
der Theatermacher. «Ihr müsst euch auf eine Jahreszeit
beschränken. Ich kann nicht in der kurzen Zeit für alle
Zeiten und Geschichten ein Bühnenbild herstellen. Der Martina Jud, *1968, Sörenberg
Aufwand ist zu gross!» Gästeadministration Sörenberg Flühli Tourismus

