Page 69 - Entlebucher Brattig 2019
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Der Bestimmte
Der gute, alte Punkt ist der Klassiker der Satzzeichen und
stets ein sicherer Wert. Wo teilweise Erwachsene noch
Der Unentschlossene an den komplizierten Kommaregeln verzweifeln, so
weiss jedes Grundschulkind, wo im Satz der Punkt zu
Der Strichpunkt, auch Semikolon genannt, soll stärker setzen ist. Der Punkt ist pragmatisch und bescheiden,
abtrennen als das Komma, aber weniger stark als der ohne grosses Tamtam beendet er einen Satz. Er weiss,
Doppelpunkt oder Punkt. Er entspringt der menschlichen was er will, und sagt, wie es ist. Durch seine Unschein-
Neigung, bei schwierigen Entscheidungen einen Rück- barkeit und Selbstverständlichkeit neigt man leicht dazu,
zieher zu machen und als Notlösung den diplomatischen ihn zu unterschätzen. Dabei steht der Punkt für Fokus,
Mittelweg zu wählen. Der arme Strichpunkt will es allen klare Aussagen und Bestimmtheit. Der Punkt fragt nicht
recht machen, ist aber eher eine unbeholfene Mischung und dramatisiert nicht. Bei ihm gibt es kein Was-wäre-
zwischen dem einen und dem anderen, als eine souve- wenn und keine Gedankensprünge. Er will nicht gross
räne Lösung. erklären, Möglichkeiten abwägen oder Spannung auf-
Kopf hoch, lieber Strichpunkt; niemand ist perfekt. bauen, er will einfach Fakten darlegen. So ist es, und
nicht anders. Punkt.
Ich wünschte mir manchmal mehr Punkte in meinem
Leben. Ich möchte viel öfter einfach meine Meinung
sagen und auch dahinterstehen. Ich möchte gerad-
Das Unsichere liniger und bestimmter sein. Ich möchte weniger Fragen
und mehr Antworten, weniger Drama und mehr
Das Fragezeichen kennzeichnet einen Satz als Frage und Entschlossenheit.
widerspiegelt somit die menschliche Unsicherheit und So wie gesellschaftliches Handeln die Sprache beein-
Unwissenheit so gut wie kein anderes Satzzeichen. Im flusst, so kann auch die bewusste Verwendung von
Endeffekt ist doch das ganze Leben eine einzige Fragerei Sprache bei uns und unseren Mitmenschen etwas
an andere, aber auch an sich selbst. Was ist der Sinn bewirken. Wer hat sich nicht schon mal selbst mit einem
des Lebens? Was möchte ich erreichen? Tue ich das «Du schaffst das!» Mut zugesprochen oder durch ein an
Richtige? sich selber adressiertes «Reiss dich zusammen!» einen
Der Mensch wird wohl nie aufhören zu fragen, und das kühlen Kopf bewahren können? Wem sind Fremde, die
ist auch gut so. Denn wie unsere Freunde aus der sich freundlich ausdrücken, nicht sofort sympathisch?
Sesamstrasse wissen: Wer nicht fragt, bleibt dumm. Worte – egal ob nur gedanklich, gesprochen oder auf
Papier – bewirken mehr, als wir glauben. Und genauso
ist es auch mit Satzzeichen. Sprache kann uns Sicherheit
geben, die wir auch ausstrahlen. Deswegen sollten wir
in unserem Leben mehr Punkte verwenden. Wir sollten
darum bemüht sein, unsere Gedanken und Aussagen
Das Dramatische auf den Punkt zu bringen. Wir sollten klare Meinungen
haben und ihnen mit einem Punkt Nachdruck verleihen.
Und... Action! Das Ausrufezeichen ist die Drama-Queen Hinter Vergangenes sollten wir einen Schlusspunkt
unter den Satzzeichen. Es ist der Ausdruck unkontrol- setzen und positiv in die Zukunft schauen, denn ein
lierter Gefühlsausbrüche auf Papier. Wenn wir in einem Punkt bildet nicht nur das Ende eines Satzes, sondern
Dialog die Stimme erheben können, dann soll es in auch den Beginn eines neuen.
einem geschriebenen Text auch möglich sein. Ausser- Lasst uns mit Punkten punkten.
dem kommandiert das Ausrufezeichen gerne herum:
Halt! Stopp! Das ist nicht gestattet! Natalie Emmenegger, *1997, Schüpfheim
Wie schön, dass es ein Satzzeichen gibt, welches uns Studentin für Germanistik und Französisch
erlaubt, auf Papier mal so richtig auszuticken. Seine
Gefühle manchmal nicht unter Kontrolle zu haben, ist ja
durchaus menschlich.

