Page 65 - Entlebucher Brattig 2019
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Koffergeschichten
Martina Jud
Luisa war spät dran. Müde und abgehetzt betrat sie das schlag. Dir fällt ja auch nichts ein», erwiderte Thomas.
Café, wo die Theatergruppe auf sie wartete, bestellte ein Luisa waren solche zänkischen Lappalien ein Graus. Sie
Glas Wein und lehnte sich zurück. Martin setzte sie kurz entschied einzuschreiten.
über das bereits Besprochene ins Bild. Sie hatten sich
bisher nicht auf ein geeignetes Thema einigen können. «Wie war der Umzug deiner Oma ins Heim», fragte
In diesem Jahr harzte es mit einer Idee für das neue sie ihre Sitznachbarin. «Sehr gut, ganz ohne Kompli-
Theaterstück. Sie legten Wert darauf, nichts Bestehendes kationen. Viele ihrer alten Sachen haben wir entsorgt,
zu spielen, sondern eigene Inszenierungen zu entwerfen. einiges als Andenken behalten», sagte Steffi und erzählte
Luisa bemerkte eine gewisse Anspannung in der Luft, vom Auszug sowie dem geglückten Einzug ins Betreute
als Katrin das Wort ergriff. «Ein Theaterstück über die Wohnen ihrer Oma, aber auch von der Entsorgung der
Landwirtschaft ist blöd. Wir sind sechs Frauen und zwei in die Jahre gekommenen Möbel und Einrichtungs-
Männer. Das passt überhaupt nicht!» Ihr vernichtender gegenstände. Alle am Tisch lauschten der Erzählung
Blick galt Thomas, dem Landwirt unter ihnen, der beim über eine alte Kräutersammeldose, die sie in einer
Gedankenaustausch seinen Job in den Mittelpunkt Schachtel gefunden hatte. «Ich wollte sie gerade in die
gerückt hatte. Mulde werfen, da spürte ich, dass sich etwas in der
Büchse befindet. Ihr glaubt es nicht, es kamen alte Liebes-
briefe zum Vorschein. An einem Umschlag war sogar
noch Siegellack. In diesem Couvert fand ich eine wunder-
schöne alte Brosche.» In schillernden Farben erzählte
sie von der Liebschaft eines reichen, verheirateten Kauf-
manns mit ihrer Urgrossmutter. Er hatte zwei Mal im
Jahr eine Bäderkur in der Gegend gemacht und sie
dabei kennengelernt. «Stellt euch vor, sie war wohl einer
der ersten Kurschatten», lachte sie. Diese Anekdote
erheiterte alle Anwesenden und Thomas erzählte, er
hätte beim Aufräumen der Tenne neben antiken land-
wirtschaftlichen Geräten uralte Liegestühle und einen
kaputten Sitz aus einem alten Postauto gefunden. Luisa
nickte, denn die Stühle waren in den Fundus ihres
Luisa konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, denn Museums gewandert. Nun war auf dem Estrich eine
Katrin hatte im letzten Jahr ihren Beruf als Drogistin Apparatur zum Vorschein gekommen, die wohl dem
ins Spiel gebracht und dieser war eine hervorragende Fahrkartenverkauf gedient hatte.
Grundlage für ihre Komödie über Frauenbelange
gewesen. Die zwei Männer hatten sich damals nicht «Als Kind hörte ich immer wieder folgende Geschichte»,
beschwert, sondern waren in die Rolle eines Arztes begann Thomas und fuhr fort. «Ein Verwandter von uns
und eines Apothekers geschlüpft. Auf diese Weise fuhr Bus. Eines Abends, als er Schluss machen wollte,
entstanden ihre Stücke. Jeder suchte sich zu einem bat ein Nachbar, er möge ihn mit seiner Frau ins Spital
Thema eine passende Figur aus, die er verkörpern bringen. Sie lag seit Stunden in den Wehen und es
wollte. Gemeinsam verbanden sie die verschiedenen passierte nichts. Natürlich fuhr er die beiden, aber am
Charaktere zu einer Aufführung. «Es war nur ein Vor- folgenden Tag hat er dem Nachbarn zwei Fahrkarten für

