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           Ruedi Lustenberger

           Aus dem Jägerlatein:


           Aufbrechen














           Hubertus  geht seit vierzig Jahren mit uns auf die Jagd. Mit
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           seiner Passion ist er nicht allein, im Entlebuch beträgt der An-
           teil weidwerkender  Frauen und Männer ungefähr zwei Prozent
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           der Gesamtbevölkerung, schweizweit sind es zirka drei Pro-
           mille. Und damit ist auch gleich gesagt, dass es nicht jeder-
           manns und jedefraus Sache ist, auf die Jagd zu gehen und da-
           bei ein Reh, eine Gams, einen Hirsch oder einen Fuchs zu
           erlegen.

               Das erste Mal: Erlegen eines Rehbocks
               Hubert erinnert sich noch gut, wie er vor gut fünfund-
           dreissig Jahren an einem frühen Sommermorgen seinen ersten
           Rehbock vom Hochsitz aus erlegt hat. Schon im Frühling hat
           er ihn ausgesucht und mehrmals vom Hochsitz beobachtet.
           Heute nun, es war Anfang August, möchte er ihn erlegen. Ner-
           vöser als sonst ist er in der Morgendämmerung auf den Hoch-
           sitz gestiegen und hat sich gewissenhaft vorbereitet. Er kon-
           trolliert nochmals das Zielfernrohr auf seiner Waffe, schiebt
           eine Patrone in den Lauf und legt die Büchse dann auf’s Fens-
           terbrett. Nach einer Weile erscheint der Bock, er äst  auf einer
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           Distanz von zirka hundert Gängen . Hubert erkennt ihn sofort,
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           spricht ihn an , schaut genau durchs Rohr und nimmt ihn
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           schliesslich ins Fadenkreuz . Soll ich, soll ich nicht? Dieses
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           Dilemma kennt jeder Jäger – für Hubert ist es ein neues Ge-
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           fühl. Er betätigt den Stecher  am Abzug und will schiessen. Die
           Überwindung dazu ist allerdings noch zu gross. Sein Finger ist
           am Abzug – drei, vier Mal, ohne entscheidend abzuziehen.
           Dann, beim fünften Mal krümmt sich der Finger, der Schuss
           geht los und der Bock liegt im Feuer.                 Letzter Bissen: Ein (Weiss-)Tannenzweig
               Die Freude am erlegten Bock vermischt sich unmittelbar   wird dem erlegten Wild in den Äser
           mit Gewissensbissen, einem Tier das Leben genommen zu ha-    gelegt. [Bilder: Ruedi Lustenberger]
           ben. Nach etwa drei, vier Minuten Zeit des Wartens – so hat
           Hubert es an der Jägerprüfung gelernt – begibt er sich zum   jede der beiden Stangen drei Enden aufweist. Es ist still inmit-
           Anschuss. Dort angekommen, immer noch das gleiche Gefühl.   ten der Napflandschaft, nur das Gezwitscher der Vögel und der
           Der Mix von Freude und leiser Genugtuung einerseits und an-  Ruf des Kuckucks «stören» die Ruhe um ihn herum. Hubert hält
           derseits die Frage, ob das wirklich nötig war – diese Empfin-  eine Weile inne, ist abgesessen im steilen Bort und betrachtet
           dungen verwandeln sich allmählich in Demut vor dem erlegten   den Bock andächtig, dankbar und mit leisem Stolz.
           Tier. Und so begutachtet er den Bock, gibt ihm den letzten
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           Bissen  in den Äser  und freut sich auch am schönen Gehörn.
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           Es ist ein braver «Sechser», so nennt man das Gehörn, wenn
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