Page 116 - Entlebucher Brattig 2023
P. 116
115 entlebucher brattig 2023
Wunderkammer Schratteflue
Eine Kunstinstallation von Livia Müller und Carina Sommer
Bettina Staub
Die Albert-Koechlin-Stiftung förderte mit dem von März Als möglichst vollständige Enzyklopädie sollten sie die
bis Juni 2022 gezeigten Projekt «Innereien» zwanzig Welt und ihre Ordnung abbilden und die Herrschaft ihrer
verschiedene Kulturproduktionen. Eines davon war das oft fürstlichen Besitzer erstrahlen lassen.
multi mediale Kunstprojekt «Schratteflue – Teufel, Hengst Den Objekten wurden Kategorien zugeordnet, die aber
und Jungfrau», das der Filmemacher und bildende Künst- nicht als starres System funktionierten, da die Übergänge
ler Robert Müller initiierte. Es umfasste ein Bühnenstück, zwischen ihnen fliessend waren. Die wichtigsten Objekt-
eine Ausstellung und eine Höhlenwanderung auf der gruppen waren Artificialia (Antiken und zeitgenössische
Schratteflue. 1 Plastiken, Gold- und Silberschmiedearbeiten, Werkzeuge),
Die Kunstinstallation von Livia Müller und Carina Sommer Naturalia (Tiere, Pflanzen und Steine), Scientifica (Mess-
war in unterschiedlicher Präsentation an den Aufführungs- instrumente, Uhren, Fluggeräte), Exotica (Objekte aus
orten des Bühnenstücks in Schüpfheim, Ruswil, Sursee, fernen Ländern, Waffen und Kleidung «ausländischer
Altbüron und Altdorf zu sehen. Der folgende Text widmet Völker»). Über die räumliche Anordnung und die Insze-
2
sich ihrem poetischen und verspielten künstlerischen nierung in der Wunderkammer wurden die Objekte zuein-
Zugang zur Schratteflue. ander in Beziehung gesetzt. Die Wunderkammer funktio-
nierte so als interdisziplinäres Weltmodell.
Zur historischen Wunderkammer Mit der Aufklärung ab etwa Mitte des 18. Jahrhunderts
beschäftigten sich zunehmend Forscher und Forscherin-
Kunst- oder Wunderkammern erlebten ihre Blütezeit im nen spezifischer Disziplinen mit den für sie relevanten
16. und 17. Jahrhundert. Sie sind nicht als reine Ansamm- Objekten. Sammlungsgruppen wurden isoliert, die Nach-
lung von staunenswerten Kuriositäten zu verstehen, son- barschaft zu artfremden Materialien und Gegenständen
dern als Mikrokosmen, die den Makrokosmos spiegeln. ging verloren. So geriet der räumlich-ideelle Kontext,
Vernissage im Entlebucherhaus,
Schüpfheim
[Bild: Christian Hartmann]

