Page 111 - Entlebucher Brattig 2023
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           Kinderaugen





           Matthias Lötscher














           Unbekannter Junge                                     Ich kann Kindern nicht alle Fragen beantworten, die sich
                                                                 ihnen in Bezug zu meiner körperlichen Einschränkung stel-
           In einem Verkaufsgeschäft beobachtet ein kleiner Junge,   len. Aber fasziniert bin ich von der Art und Weise, wie Kin-
           zirka vier Jahre alt, sorgfältig und mit etwas Scheu mich   der andere mit ihren Fragen konfrontieren. Wir Erwach se-
           in meinem Rollstuhl. Langsam kommt er auf mich zu     nen scheinen das verlernt zu haben. Wir behandeln Privates
           und fragt: «Wie schläfst du?» Seine Mutter eilt herbei   meist sehr diskret oder schauen weg, wenn es unange-
           und entschuldigt sich für sein Verhalten. Ich entgegne,   nehm werden könnte. Je nach Sichtweise. Kinder hin-
           das sei doch eine verständliche Frage und dass sie sich   gegen agieren nicht so abgeklärt. Die Welt ist ihnen, zumin-
           dafür sicherlich nicht zu entschuldigen brauche. Dem   dest zum grossen Teil, noch unbekannt, jeden Tag lässt
           Jungen zugewendet, erkläre ich, dass ich mich dafür ins   sich Neues entdecken. Kinder besitzen einen natürlichen
           Bett begeben würde, genau wie er. Jedoch würde ich    Antrieb, Erfahrungen machen zu wollen, sich Unbekann-
           mich dafür vom Rollstuhl ins Bett hieven müssen. «Aber   tes anzueignen und deshalb Grenzen zu überwinden.
           sitzt du dann beim Schlafen?», wundert er sich. Auch
           ich würde im Liegen schlafen, führe ich aus. Der kleine   Felix
           Junge scheint beeindruckt, überlegt weiter und mustert
           mich einen Moment, ehe er zu seiner Mutter zurückrennt.   Kaum bei meinem Patenjungen angekommen, fragt er
           Diese entschuldigt sich ein weiteres Mal für ihren Sohn   mich, ob er mit meinem Rollstuhl fahren dürfe. Selbstver-
           und verabschiedet sich.                               ständlich dürfe er das, jedoch müsse ich mich dafür vor-
                                                                 her auf das Sofa setzen, erkläre ich ihm. Felix beobachtet
           Ida                                                   mich dabei und fragt zögernd: «Warum musst du deine
                                                                 Beine mit den Armen bewegen, Götti?» Seine Schwester
           Wieder einmal bin ich zu Besuch bei meinem Bruder in   Sofie meint zu ihm, dass er doch wisse, dass ich mal auf
           Köln. Ich spiele mit seiner Tochter Ida im Innenhof der   den Kopf gestürzt sei. Der Kleine entgegnet: «Ja, aber
           Wohnsiedlung. Hin und her fahren wir, immer wieder. Sie   warum kannst du dann die Beine nicht mehr bewegen?
           auf ihren Inline Skates, ich in meinem Rollstuhl. Irgend-  Ich kann das noch, obwohl ich auch schon oft gestürzt
           wann fährt Ida auf mich zu und sagt: «Mätthu, zu unserer   bin.» Felix und seine Geschwister hören gebannt zu, wäh-
           Wohnung gibt es viele Treppen. Diese kannst du ja gar   rend ich auf einfache Art und Weise erkläre, dass meine
           nicht selbst überwinden und mich besuchen kommen      Halswirbel beim Aufprall gebrochen seien und es des-
           ohne Papas Hilfe. Das ist ungerecht! Warum ist das so?»   wegen für mich nicht mehr möglich sei, die Beine ohne
           Überrascht von dieser Beobachtung kann ich ihr erst mal   Hilfe der Arme zu bewegen. Ich hätte dabei aber dennoch
           nicht antworten. Zu vielschichtig ist die Bemerkung. Idas   sehr viel Glück gehabt, da es auch Menschen gäbe, die
           Beobachtung legt ein inhärentes und ungelöstes Problem   nach einem Unfall leider auch die Arme nicht mehr bewe-
           offen. Ein kleines, sechsjähriges Mädchen kommt zu einer   gen könnten, und deshalb für alles Hilfe benötigen wür-
           Einsicht, der sich ein grosser Teil der Gesellschaft grund-  den. Felix hüpft auf den Rollstuhl, dreht eine Runde und
           sätzlich verwehrt. Ich kenne die Antwort nicht. Trotzdem   stoppt an derselben Position wieder. Er steigt ab, fixiert
           erkläre ich ihr, dass es im Leben Dinge gibt, die nicht für   die Bremsen und weist mich an, dass ich nun wieder in
           alle gemacht sind und an denen leider nicht alle teilhaben   den Rollstuhl sitzen könne. Ungefragt versucht er mir mit
           können. Zudem ermutige ich sie, sich niemals einschrän-  seinen kleinen Händen und Armen dabei zu helfen, die
           ken zu lassen und dass es ungeachtet des Widerstandes   Beine in die richtige Position zu bringen. Dabei schaut er
           stets möglich sei, Dinge positiv zu verändern.        mich an und fragt: «Schmerzt es noch, Götti?»
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