Page 72 - Entlebucher Brattig 2023
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                   Die Raunächte – ein uralter Brauch aus der Vorzeit




                   Melanie Küpfer und Steven Wolf
















                   Der Brauch der Raunächte stammt noch aus der vor­     angeführt werden. Einerseits meinen die Raunächte die
                   christlichen Epoche. Er ist damit ein Erbe unserer Vor­  Inspiration durch die Dunkelheit und Stille und damit
                   fahren, der uns immer noch mit der damaligen Natur­   das In­sich­Gehen. Anderseits können die wilden Pelzigen
                   religion verbindet. Diese Naturreligion nahm alle Teile   auch Verwirrung stiften. Um diese Wesen, welche in
                   der Natur als beseelt und belebt wahr. Alles bestand aus   dieser Jahreszeit in Form von Winterstürmen durch die
                   den vielen Anteilen, den Wesenszügen und den Eigen­   Lüfte jagen, milde zu stimmen, stellt man auch heute
                   schaften «der grossen Schöpfung», die jedes Lebewesen   noch Fleisch, Kuchen oder Hülsenfrüchte vor die Tür.
                   einzigartig machte. Ein weiterer Ausdruck dieser Reli­  Es wurde früher in der Zeit der Raunächte auf den Ver­
                   gion waren die vielen Götter und Göttinnen, die Wesen­  zehr von Hülsenfrüchten verzichtet, da diese als Toten­
                   heiten der Vegetation, der Elemente, des Lichtes und   nahrung galten und ausschliesslich den Toten und Ahnen
                   der Dunkelheit.                                       vorbehalten waren.

                   Heilige Nächte                                        Besinnung, Sühne und Läuterung

                   Die Raunächte waren für unsere Vorfahren heilige      Die Schutzpatronin dieser dunklen Stille­Zeit ist die drei­
                   Nächte und verdeutlichten den unaufhaltsamen Kreis    faltige Allmutter. Ihre Farben sind Weiss für den Früh­
                   von Geburt – Leben – Tod– Wiedergeburt. So finden     ling, Rot für den Sommer und Schwarz für den Winter.
                   in diesen heiligen Nächten auch heute noch Räucher­   In unseren Breitengraden steht vor allem der Holunder,
                   zeremonien mit geweihten Kräutern, welche man das     auch Holle genannt, für die weibliche Urkraft. Denn seit
                   Jahr durch gesammelt hat, statt, um das Wohnhaus, den   alten Tagen offenbaren sich die alten Götter in Bäumen,
                   Stall, den Garten oder das Land mit all ihren Bewohnern   Sträuchern und Pflanzen, geben sich uns Menschen
                   zu reinigen. Neunerlei­Holzbündel schmücken die Fens­  zu erkennen, um uns näherzukommen, fassbarer zu
                   terbänke und immergrüne Pflanzen und Kerzen zieren    werden. Das Wesen des Holunders beschreibt sich am
                   die Wohnstätte für das Symbol des ewigen Lebens. Sie   besten mit der «grossmütterlichen Strenge». Die Holle
                   bieten den lichtvollen, wärmeliebenden Wesen einen    achtet darauf, dass jeder gemäss seiner Bestimmung
                   Überwinterungsplatz und halten niedrige Energien fern,   lebt, sich entwickelt und seinen Herzensweg beschreitet.
                   damit diese nicht die kommende «heilige Zeit» stören;   Sie wirkt hier wie eine Richterin über Gut und Böse
                   denn zur Weihnachtszeit sollte nur «das Gute» um uns   und hütet die Anlagen der Menschen. Talente sollen
                   herum wirken.                                         genutzt und schlechte Angewohnheiten möglichst
                                                                           abgelegt werden.
                   Die Bezeichnung Raunächte lässt sich auf mehrere Wörter
                   zurückführen. Zum einen steht sie im Zusammenhang     In alten Zeiten war es in der Zeit der Raunächte verbo­
                   mit «rau» im Sinne von wild und pelzig, womit das Aus­  ten, schwer zu arbeiten. Alle körperlich anstrengenden
                   sehen der unholden Geister beziehungsweise Energien   Tätigkeiten mussten daher vor den Raunächten zum
                   gemeint ist. Zum anderen stecken «Ruoch» und «Rauch»   Abschluss gekommen sein, denn nur in diesen zwölf
                   für Räuchern und Rausch mit drinnen. Winterliches     Tagen erlaubt «Frau Holle», dass man sich ausruht und
                   Schneegestöber mit heftigem Wind, der pfeifend und    sich ganz auf sein Inneres und Wesentliches besinnt.
                   heulend durch die Ritzen zieht und an den Fensterläden   Diese zwölf Nächte sind sehr magisch und werden oft
                   rüttelt, symbolisiert die wilde Jagd der Wintergeister,   auch zu mannigfaltigsten Orakeln benutzt. An diesen
                   die um Gaben betteln und vom dunklen Götterpaar       Tagen besinnt man sich auf das kommende Jahr. Die
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