Page 41 - Entlebucher Brattig 2023
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Auswanderer
Im Netz fand ich von einem Oskar Emmenegger einige
Verse in Schwäbisch: Ihn anzuschreiben war Pflicht, und
so entstand eine anhaltende Freundschaft. Er erforschte
seine Emmenegger in Rottweil, ich zeigte ihm die
Emmenegg und das Entlebuch, die Herkunft seiner
Ahnen, denen er auf die Spur kommen wollte. Selbstver-
ständlich besuchten wir ihn auf der Schwäbischen Alb.
Für Leute, die sich hobbymässig mit Toten umgeben, ist
derlei erstaunlich belebend. – Dieses Jahr ging es ins
Elsass. Dort leben nicht nur Forscherkollegen, sondern
seit vielen Generationen auch Emmenegger, allerdings
mit ck, viele davon als Winzer, deren vereinzelte Spuren
ich zumindest auf Friedhöfen nachgehen wollte, und mit
einem Glas Wein aus Soultz. Dabei hatte ich immer wie-
der deren Ahnenpaar vor Augen, Hans Emmenegger,
Grossneffe des Bannermeisters, und seine Frau Anna
Bolzern. Das Paar war bereits 1664 im Elsass, dann wie-
der als Hintersässen in Luzern, wo sich Hans als Lehen-
mann und Senn durchschlug, aber auch in Streit und
Schuld geriet. 1680 hat er mit seiner Familie die Schweiz
definitiv verlassen. Ein kaum durchschaubares Müster-
chen kann zeigen, weswegen er wegging. Doch der
Reihe nach.
Zuerst wollte ich das Originaldokument lesen und
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stolperte in ein fröhliches Abenteuer. Entziffern war
das eine:
Er «sagt warzue sein Bey seinem Zydt, daß nachdeme
deß Emmeneggers Haußfrau auß gewißen Vrsachen
wegen Von Ihro Gnaden Herr Von Pflueg seliger
gedechtnuß gehabeter Melkcherey bescheheneren
Streits halber durch Junckher Vogt alhier Vf daß Rats-
hauß Iin Arrehst züchen laßen» …
Fotografie der Original-Handschrift
aus dem Jahr 1675 über die Verur- Verstehen das andere. Am Schluss stand etwa Folgen-
teilung von Anna Bolzern. des fest: 1675 wurde Anna Bolzern auf dem Rathaus
[Bilder: Friedrich Schmid]
Wattwil drei Wochen arretiert. Ursache war ein Streit um
die Melkerei eines Herrn von Pflueg. Nach acht Tagen
versuchte sie auszubrechen, indem sie Bretter mit der
Axt wegschlug. Deswegen wurde sie ins Fusseisen
gelegt. Der Luzerner Rat holte nachträglich Kundschaft
ein. Die Verantwortlichen beteuerten, ja, sie sei angeket-
tet worden, wegen mehrmaligen Fluchtversuchs. Sie
habe aber alles Nötige gehabt. Was das «Geliger» anbe-
lange, habe sie, bis sie ans Eisen gelegt wurde, im Bett
Hans Emmenegger, der damals dreissigjährige Neffe der Frau des Stubenknechts geschlafen, danach habe
des bekannten Bannermeisters, wollte wohl wissen, wie man sie mit Mänteln als Unterlage und Decken versorgt,
Bläsi seinen Streich aufnahm. Ein Jahr später kämpfte er sie habe niemals an Frost, Kälte oder Hunger gelitten.
als Leutnant im Zug gegen Bern, wurde zu sechs Jahren Als sie wieder entlassen wurde, habe sie, «von dem
Galeerenstrafe verurteilt, dann zu sechs Jahren Kriegs- Fusseisen aufgeschlossen, weder Geschwulst noch
dienst in Frankreich begnadigt. Er ist nicht zurückge- andere Leibspresten an ihr nicht gespürt» und sei «feiss,
kehrt. Schon 1658 ist er mit nur 35 Jahren in Frankreich gesund und wohl genährt abspaziert.»
gestorben, wohl an Entkräftung. Er hat weiss Gott
gesühnt für seinen Bubenstreich.

