Page 37 - Entlebucher Brattig 2023
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Herrn Pfisters Feldstecher
Roger Strub
Im
kleinen Block schräg
gegenüber wohnt ein älterer Herr.
Nennen wir ihn Herrn Pfister. Er hat die selt-
same Angewohnheit, die Umgebung von seinem Fenster
aus mit einem Feldstecher zu erkunden. Diese Umgebung
besteht jedoch nicht etwa aus Wäldern und Wiesen, wo er Fuchs und
Hase beim Gutenachtsagen beobachten könnte. Nein, die Sicht dorthin
bleibt ihm durch die anderen Gebäude rundherum nämlich verstellt. Herr Pfister
richtet seinen Feldstecher vielmehr auf die Fenster eben dieser Gebäude und den
Sportplatz dazwischen.
Was hofft Herr Pfister denn zu sehen? Vielleicht, was Frau Müller gemeinsam mit ihrem
Freund, mit dem sie im Konkubinat lebt, in der Küche als Nachtessen zubereitet? Oder ob der
junge Tosetto nach der Arbeit zuerst unter die Dusche hüpft, bevor er ein Bier aus dem Kühl-
schrank nimmt und sich auf die Couch vor den Fernseher fallen lässt? Ob die jungen Volleyballe-
rinnen auf dem Sportplatz den Ball übers Netz ins Feld schlagen? Oder interessieren ihn womög-
lich nur ihre knappen und enganliegenden Bikinihöschen? Interessiert ihn, ob sich Herr Tosetto
nach dem Duschen wirklich ein Tuch um die Hüfte schlägt? Oder ob sich Frau Müller und ihr
Lebensabschnittpartner gar nicht in der Küche, sondern gleich im Schlafzimmer verlustieren? Das
wäre ja dann wirklich unanständig. Ich meine von Herrn Pfister natürlich.
Manchmal geniesse ich abends auf der Terrasse ein Glas Weisswein. Dann kommt es vor, dass
auch ich ins Visier von Herrn Pfisters Feldstecher gerate. Wenn ich es merke, dann winke ich ihm
zu, was eine ruckartige Richtungsänderung des Feldstechers zur Folge hat. Was hätte ich ihm
denn zu bieten? Ich habe mir überlegt, ob ich Herrn Pfister bei Gelegenheit auf seine Aktivitä-
ten ansprechen soll, wenn wir uns – was sehr selten vorkommt – auf der Strasse oder im
Coop begegnen. Leider ist aber immer Frau Pfister dabei und ich weiss nicht, ob sie
Kenntnis von den Vorlieben ihres Gatten hat. Und was ich auf gar keinen Fall möchte
ist, die goldene Hochzeit der Pfisters zu gefährden, die bestimmt bald ansteht.
Darum habe ich mich entschlossen, auf seine Art mit ihm zu kommunizieren.
Wenn Herr Pfister das nächste Mal seinen Feldstecher auf mich richtet,
werde ich aufstehen, ihm den Rücken zuwenden, dann blitz-
schnell meine Hose herunterlassen und ihm den blanken
Hintern präsentieren.

