Page 38 - Entlebucher Brattig 2023
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Ich sitze also mit meinem Weinglas auf der Ter-
rasse und warte. Bis es soweit ist, kann ich ja einige
populärwissenschaftliche Überlegungen über Herrn Pfisters
Beweggründe anstellen. Herr Pfister ist «gwundrig». Soviel ist unbe-
stritten. Irgendwie steckt darin die Verkürzung von «Giggerig auf ein Wun-
der». Was aber wäre dann für Herrn Pfister ein Wunder beziehungsweise bewun-
dernswert? Wenn Menschen frei, unverkrampft und hüllenlos ihr Leben geniessen?
Schon möglich angesichts der Tatsache, dass Herr Pfister wöchentlich die Lamellen seiner
Storen mit einem feuchten Lappen abwischt. Das zeigt doch, dass er neben «gwundrig»
auch ein bisschen «wunderlig» zu sein scheint. Dann wäre meine vorgesehene Aktion viel-
leicht ganz in seinem Sinn und würde ihm Freude bereiten.
Ich nutze die Zeit der Warterei und richte ein imaginäres Fernrohr nach Norden zu unserem grossen
Nachbarn Deutschland. Dort, im hochdeutschen Sprachraum, ist Herr Pfister nicht «gwundrig»,
sondern neugierig, also gierig auf Neues. Herr Pfister giert, ist gemäss Definition einem heftigen
ungezügelten Verlangen nach Genuss, Besitz und Erfüllung von Wünschen ausgeliefert. Er ist also
gewissermassen süchtig und versucht mit seinem Feldstecher verzweifelt, ein Manko zu kompen-
sieren. Puh, jetzt tut mir Herr Pfister leid. Kann das mit der goldenen Hochzeit, 50 gemeinsamen Ehe-
jahren, 50 Jahren Lamellenwischen, 50 Jahren Fusskette zu tun haben? Das ist reine Spekulation.
Wir wissen es nicht.
Während ich meinen Gedanken nachgehangen und darüber fast eingenickt bin, hat Herr Pfister
das Fenster geöffnet und Position bezogen. Ich bin jetzt hellwach, spanne meine Muskeln.
Gleich ist es soweit. Der Feldstecher bewegt sich in meine Richtung, nimmt mich ins Visier.
Damit ist der Moment gekommen, Herrn Pfister eine kleine Freude zu bereiten.
Roger Strub, *1957, Langnau, Schriftsteller
Auftragsschreiber und Kommunikationsberater
www.rogerstrub.ch

