Page 40 - Entlebucher Brattig 2019
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               geahnt hätte, was auf mich zukommt, ich hätte ihnen   Telefongespräch wörtlich protokollieren lässt, alle Doku-
               die dringlich verkündete Hochzeit mit allen mir zur Ver-  mente dreifach digital sicherst und doppelt als Papier-
               fügung stehenden Mitteln ausgeredet, hätte Mutter zum  kopien ablegst, Mitarbeitenden überzogene Pausen-
               Erbrechen gebracht, jedes Mal, wenn die Vermählung    zeiten von mehr als einer Minute von der Arbeitszeit
               zur Sprache gekommen wäre. Aber im katholischen       abziehst, handschriftliche Notizen mit mehr als drei
               Entlebuch war eine wilde Ehe zu jener Zeit schlicht   Fehlern als unverständlich zurückweist, dir Ausweise
               undenkbar. Sie haben jedenfalls geheiratet und es ist  von Leuten vorlegen lässt, die du bestens kennst,
               gut wie es ist. Bis auf den Namen. Hanna hätte auf den  dir im Freundeskreis kein Bier zahlen lässt, um nicht
               Bindestrich und ihren Müller verzichten können. Aber  als bestechlich zu gelten.»
               wahrscheinlich wollte sie damit wenigstens einen Teil
               ihrer Identität und Würde in die Ehe retten.          Ich frage: «Ist das alles?» Und sie meint: «Im Moment
                                                                     fällt mir nichts mehr ein.»
               Alles, was ich auf dieser Welt bis heute begriffen habe,
               ist die Tatsache, dass jeder genau so viel Recht hat, wie  Sie ist ausser Atem und ich ein bisschen irritiert. Ist in
               er sich selber zugesteht. Freiheit nennt man das. Und  meiner Jugend vielleicht doch etwas schiefgelaufen?
               deshalb nehme ich mir die Freiheit, morgen da nicht
               hinzugehen, um diesen Preis entgegenzunehmen.         Meine Eltern hatten nach der ungeplanten Hochzeit
                                                                     bestimmt viel Freude mit mir. Zumindest als ich klein
                                                                     war. Als ich mich dann nämlich in der sechsten Klasse –
                                                                     mehr unter Gruppendruck handelnd als absichtlich – mit
                                                                     Stehlen versuchte, war es aus mit der Freude. Ich hatte
                                                                     mich dämlich angestellt und wurde gleich beim ersten
                                                                     Mal erwischt. Als ich zwei Stunden später frisch verhört
                                                                     und telefonisch angekündigt nach Hause kam, wurde
                                                                     ich von meiner Mutter mit einer Ohrfeige empfangen.
                                                                     «Du bist die Schande der Familie», schrie sie mich an.
                                                                     Im Gegensatz zur Ohrfeige schmerzten diese Worte und
                                                                     bohrten sich wie ein Stachel in die Bubenseele. Nun war
                                                                     ich also das schwarze Schaf der Familie. Ich wollte es
                                                                     mit allen Mitteln wieder gutmachen. Die Lösung lag auf
                                                                     der Hand. Was schätzen Eltern mehr als fleissige Kinder?
                                                                     Ich begann zu büffeln und wurde ein richtiger Streber.
                                                                     Trotzdem schaffte ich die Prüfung ins Gymnasium nicht.
                                                                     Aber ich war gut genug für die kaufmännische Berufs-
                                                                     schule, was für einen Meier-Müller ja auch durchaus reicht.
               Habe ich nicht mein halbes Leben lang für die Bürger  Meine Eltern waren zufrieden und hatten sich mit mir
               dieser Gemeinde alles gegeben? Sie sehen in mir einen  versöhnt. Im KV entdeckte ich dann auch die schlanken
               «Tüpflischiisser», warum? Die Begründung würde mich   T a illen und die wippenden Busen meiner Mitschülerinnen.
               schon interessieren. Aber um ihre Laudatio zu hören,  Mein Verbrauch an Wasser, Duftessenzen und frischer
               müsste ich hingehen. Bin ich eine kleinliche Person, ein  Wäsche stieg sprunghaft an. Ich begann um eine Frau zu
               Paragraphenreiter und Erbsenzähler? Nimmt man mir     werben, schrieb der Angebeteten schmalzige Liebes-
               übel, dass ich alles gut machen will, genau und fokus-  gedichte, die schon bald im Dorf herumgereicht wurden.
               siert arbeite, korrekt, konsequent und vielleicht manch-  Es war Katharina Lötscher, die schliesslich meine Leiden-
               mal penibel bin, weil ich niemanden bevorzugen will?  schaft erwiderte. Als wir nach drei Monaten beschlossen
               Was ist daran schlecht? Was wirft man mir vor? Ich frage  zu heiraten, hatte ich die Hoffnung, dass ich nun endlich
               meine Frau Katharina. Sie sagt:                       meinen Namen abstreifen könnte. Dass aus Meier-Müller
                                                                     jetzt Meier-Lötscher würde. Aber Katharina bestand
               «Es ist vielleicht nicht nötig, dass du alle dir verfügbaren  darauf, ihren Mädchennamen zu behalten. «Punkt. Aus.
               Daten zu Statistiken verarbeitest, alle eingegangenen  Fertig», sagte sie.
               und geprüften Rechnungen persönlich ein zweites Mal
               prüfst, alle Spesenbelege zu Pauschalabzügen in den   Ich werde nicht hingehen morgen Abend.
               Steuererklärungen sehen möchtest, kleinste Neben-
               einkommen von Bürgern registrierst und in der Steuer-  Roger Strub, *1957, Langnau, Schriftsteller,
               erklärung kontrollierst, ob sie deklariert wurden, jedes  Auftragsschreiber und Kommunikationsberater
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