Page 39 - Entlebucher Brattig 2019
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       Punkt. Aus. Fertig.









       Roger Strub











       Mein Name ist Otto Meier-Müller. Und als ob das nicht  Karriere als Beamter auf der Gemeindeverwaltung ein-
       schon genug wäre, verleiht mir der Entlebucher Bürger-  geschlagen. Natürlich habe ich mir während der Puber-
       verein an seinem Jahresanlass im Restaurant «Bahn-    tät auch Fragen gestellt, war vielen Dingen gegenüber
       höfli» morgen Abend einen Award für den «Tüpfli-      kritisch eingestellt. Wäre manchmal auch lieber Rockstar
       schiisser2019». Ich werde nicht hingehen.             geworden, allein schon wegen der hübschen Mädchen
                                                             am Bühnenrand. Oder hätte bei den SCL Tigers das
                                                             Tor gehütet oder als Fussballprofi beim FC Luzern viel
                                                             Geld verdient. Aber das hat sich gelegt. Ich bin mit
                                                             beiden Füssen fest auf dem Boden geblieben. Meine
                                                             Wurzeln sind im Entlebuch. Und die eigenen Wurzeln
                                                             sollte man nicht ausreissen. Das schadet nicht nur dem
                                                             Wasserhaushalt.

                                                             Leider muss ich feststellen, dass vieles, was früher
                                                             normal war, heute abnormal ist und umgekehrt. Heute
                                                             sucht sich nämlich jeder aus, was normal ist. Das ist
                                                             ja eigentlich auch ganz gut so und aus diesem Grund
                                                             ist heutzutage so gut wie alles normal. Leider auch,
                                                             dass man mit einem Namen wie Meier-Müller für einen
                                                             Idioten gehalten wird.

                                                             Überall, auf meinem Briefkasten, in meinem Pass, auf
                                                             Briefumschlägen, Bankauszügen, in Zeugnissen, ja
                                                             selbst auf der Kreditkarte steht es schwarz auf weiss:
                                                             Meier-Müller. Einer, der Meier-Müller heisst, der muss ja
                                                             ein bisschen sehr einfach gestrickt sein. Alle, mit denen
                                  [Zeichnungen: Benno Baumeler]  ich mein Leben lang zu tun hatte, sprachen den Namen
                                                             genüsslich in seiner ganzen Länge aus: «Meier-Müller,
       Ich weiss nicht, was ich ihnen angetan habe. Ich bin  ich bitte Sie…», «Meier-Müller, könnten Sie…», «Meier-
       unauffällig, trete niemandem auf den Schlips, bin ganz  Müller, ich danke Ihnen…», «Meier-Müller, Sie sind ein
       schweizerisches Mittelmass: Normaler Beamtenlohn,     Arschloch.» Hat je ein Mensch gesagt «Studer-Wegmüller,
       Viereinhalb-Zimmer Mietwohnung, bescheidene Frau,     ich bitte Sie» oder «Haller-Weigel könnten Sie…»? Nein,
       nicht zu attraktiv, zwei wohlerzogene, inzwischen     aber «Meier-Müller» haben sie sich auf der Zunge zer-
       erwachsene Kinder, Junge und Mädchen. Als sie klein   gehen lassen. Hier hatten sie ihren bünzligen Trottel,
       waren, hatten wir sogar einen Hund. Ich fahre einen   über den sie sich erhaben fühlen konnten. Aber was
       grauen Mittelklasse-Wagen mit Fünf-Ganggetriebe und   kann ich dafür, dass mein Vater Wolfgang Meier, der
       125 PS, hatte eine behütete Jugend, keine Exzesse, ein  in der Dorfmusik Tuba spielte, sich ausgerechnet in
       bisschen Alkohol, ja, aber das ist doch völlig normal bei  meine Mutter Hanna Müller verguckt hat und mit ihr
       uns. Ich wurde weder Schriftsteller noch Clown oder gar  nach einem bunten Abend im Rittersaal des Gasthofs
       Maler, ich habe auf Rat meiner Eltern eine ganz normale  Drei Könige einen Sohn gezeugt hat? Wenn ich voraus-
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