Page 89 - 011021023003___01_06.indd
P. 89

87






                                                                         sen wurden». Was aus heutiger Sicht diskriminierend wirken
                                                                         mag, widerspiegelt die damals vorhandene Angst der Behör-
                                                                         den, im Falle einer Verarmung für mittellose Bürger aufkom-  AKTUELLES
                                                                         men zu müssen – gerade für eine finanziell angeschlagene
                                                                         Landgemeinde wie Escholzmatt, welche damals über 10 000
                                                                         Ortsbürger zählt. Denn früher war nicht der Wohn-, sondern
                                                                         der Heimatort für die Sozialfürsorge zuständig .
                                                                                                                4
                                                                             Die Einbürgerung kommt schliesslich nicht zustande. Erst
                                                                         in der zweiten und dritten Generation legen die Söhne und   LEBENSWEGE
                                                                         Enkel von Josef und Emma Rava-Blaser nach und nach ihre
                                                                         italienische Staatsbürgerschaft ab und lassen sich neben
                                                                         Escholz matt unter anderem in der Stadt Luzern, Grosswangen
                                                                         und Langnau im Emmental einbürgern. Einfacher als die männ-
                                                                         lichen Sprösslinge der Familie haben es damals deren Töchter,
                                                                         welche sich mit einer Ausnahme alle ausserhalb des Entle-
                                                                         buchs verheiraten und nach der Eheschliessung das Bürger-  GESCHICHTLICHES
                                                                         recht ihrer Männer erhalten.

                                                                             Aufbruch aus dem Entlebuch
                                                                             Dass der Name Rava im Gegensatz zu anderen eingewan-
                                                                         derten Geschlechtern, wie beispielsweise der Alessandri, im   AKTUELLES
                                                                         Entlebuch kaum mehr verbreitet ist, ist wiederum auf zahlrei-
                                                                         che individuelle Aufbrüche zurückzuführen. So sind im Laufe
                                                                         der Jahre jeweils die meisten Nachkommen der Familie der
                                                                         Liebe oder der Arbeit wegen fortgezogen und heute in der gan-
                                                                         zen Schweiz zu finden. Die Bauunternehmung in Wiggen wurde
                                                                         1968 in eine AG überführt und an Arthur und Anna-Louise   AKTUELLES
                                                                         Rava- Koch übergeben. Im Jahr 1999 stellte die Rava AG schliess-
                       Mehrere Anläufe bis zur Einbürgerung              lich ihre Tätigkeit ein.
                       Schon um die Jahrhundertwende besteht bei der Familie
                   Rava ausser auf dem Papier kaum noch Bezug zum ursprüngli-
                   chen Heimatland Italien. Die elf Kinder sind alle in der Schweiz   Cyrill Zemp, *1997, Projektmanager, Küssnacht am Rigi
                   aufgewachsen und zur Schule gegangen. Hier werden sie «in   Enkel von Arthur und Anna-Louise Rava-Koch sel.   AKTUELLES
                   Schweizergeist und Schweizerart erzogen und betrachten un-
                   ser Schweizerland als ihre wahre Heimat, mit der sie ganz und   1 Bundesamt für Statistik (1990). Eidgenössische Volkszählung 1990, S. 4.
                   gar verwachsen sind», wie die Nachbarn aus Wiggen im Nachruf   2 www.blog.nationalmuseum.ch/2018/04/schmuggel-im-tessin.
                   von Josef Rava bekräftigen.                               3 Roman Bussmann: «Strebi, Walter», in: Historisches Lexikon der
                       So kommt Ende der 1920er- Jahre der Wunsch auf, die ita-  Schweiz (HLS), Version vom 29.06.2012.
                                                                             4 www.geschichtedersozialensicherheit.ch/synthese/1975.   AKTUELLES
                   lienische Staatsbürgerschaft abzulegen und sich in Escholz-
                   matt einbürgern zu lassen. Nachdem Sohn Emil bereits 1918
                   in Russo im Tessin eingebürgert worden ist und 1929 die eid-
                   genössische Bewilligung zur Einbürgerung für Josef und Emma
                   Rava-Blaser sowie die beiden jüngsten Söhne vorgelegen ist,
                   beauftragt die Familie den Stadtluzerner Anwalt Walter Strebi          «Milano – Schärlig – Wi chli isch doch
                   – Schwager des Kunstmalers Hans Erni und Kulturmäzen  – mit            d'Wäut»                                AKTUELLES
                                                                 3
                   der Gesuchstellung um das Gemeindebürgerrecht von Escholz-             Wie es der Zufall will, wird der Sohn eines sol-
                   matt. Obwohl Josef Rava in der Schweiz (im Tessin) geboren         chen Arbeiters Jahre nach seiner Jugendzeit im
                                                                                      Schärlig, mitten in Mailand einigen auf einer Schul-
                   wurde und seine Frau vor der Heirat Schweizerin war, klappt        reise verlorengegangenen Marbacher Sek-Schülern
                   dieses Unterfangen nicht auf Anhieb.                               begegnen und sie mit seinem Wissen über die hin-
                       In seinem Antwortschreiben erfragt der Gemeinderat             terste Gemeinde im Entlebuch verblüffen.
                   zwar die Höhe der möglichen Einkaufssumme und bietet an,           Diese Begegnung wurde in der Brattig 1997 (S. 42)   AKTUELLES
                   das Gesuch für die nächste Gemeindeversammlung zu traktan-         von Josef Ehrler in einer seiner kurzweiligen Mund-
                   dieren. Er merkt jedoch an, dass «in Escholzmatt seit vielen       art-Erzählungen festgehalten.
                   Jahren alle Einbürgerungsgesuche von Ausländern abgewie-
   84   85   86   87   88   89   90   91   92   93   94