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problemlos Freunde, Familie und Bekannte in einem anderen
Dublin-Staat besuchen. Auch treibt sie manchmal die Hoff-
nung an, dass dort die wirtschaftlichen Perspektiven besser AKTUELLES
sind», erklärt mir Samuel Wyss. Nun würden die Personen im
Zentrum auf ihre sogenannte Rücküberstellung in den zustän-
digen Dublin-Staat warten, sie dürfen also nicht in der Schweiz
bleiben. Diese Überstellung geschieht meist auf dem Luftweg,
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manchmal auch nicht ganz freiwillig .
Patricia erklärt, dass die Aufgabe der AOZ darin bestehe, LEBENSWEGE
die Bewohner bis zu ihrer «Überstellung» zu beschäftigen. In
der Regel würden sie zwei bis drei Monate, maximal 140 Tage,
auf dem Glaubenberg bleiben. Einerseits werden sie in dieser
Zeit in den Betrieb des Zentrums eingebunden (zum Beispiel «Ich wünsche mir hier eine gute Zukunft»
Mithilfe bei der Essensausgabe, Hausreinigung). Andererseits Aus dem Leben eines Asylsuchenden
können sie in Kleingruppen ausserhalb der Unterkunft ge- Im Bundesasylzentrum auf dem Glaubenberg arbeitet AKTUELLES
meinnützige Einsätze für die Bevölkerung in der Region leis- Morteza Azar, 29 Jahre alt und seit Februar beim AOZ als
ten, wie zum Beispiel Reinigungseinsätze oder Neophyten- Betreuer angestellt. Er stammt aus Afghanistan und lebt
Bekämpfung, für die sie auch finanziell entschädigt werden. seit 2015 in der Schweiz. Zwei Monate lang war er auf der
Zirka 70 Mitarbeitende des AOZ kümmern sich um den rei- Flucht – vor den Taliban und ihrem Schreckensregime.
bungslosen Ablauf im Zentrum. Eine Hilfestellung bei der Ver- Zuerst floh er zu Fuss in den Iran, dann in die Türkei und
arbeitung der oft traumatischen Flucht-Erlebnisse stehe nicht von dort aus mit einem Schlauchboot auf eine griechische AKTUELLES
Insel. Die Überfahrt auf dem Meer ist ihm heute noch deut-
im Vordergrund, so Patricia. «Wir kennen die persönlichen Ge- lich in Erinnerung: «Ich hatte immer Angst, vor allem vor
schichten nicht. Wir hören zwar zu, aber die Verarbeitung des dem Wind und vor dem Wasser», blickt er zurück. Auch der
jeweiligen Schicksals geschieht nicht hier.» 20-stündige Fussmarsch in Griechenland bis zur Asylunter-
Der Rundgang endet wieder beim Gemeinschaftsraum, wo kunft ist ihm noch ganz präsent. Von dort aus kam er nach
inzwischen das Fest zum Ende des Ramadans seinen Anfang Österreich und dann, eher zufällig, in ein Bundesasylzen-
nimmt. Ein paar Personen tanzen bereits. Ich soll mittanzen, trum bei St. Gallen, wo er seinen Asylantrag stellte. In der AKTUELLES
doch unter der Aufsicht der Securitas-Personen ist mir so gar Zeit wurde er nach Obwalden in ein kantonales Asylzen-
nicht nach Tanzen. Stattdessen verabschiede und bedanke ich trum geschickt, bis er nach ungefähr acht Monaten den
Bescheid erhielt, dass er als «vorläufig Aufgenommener»
mich bei allen und begebe mich Richtung Ausgang. Nach der in der Schweiz bleiben kann. Diesen Status musste er
Schleuse bin ich wieder in meiner Welt, wofür ich doch sehr danach jedes Jahr neu beantragen, bis er nach fünf Jahren
dankbar bin, hineingeboren worden zu sein. eine B-Bewilligung erhielt. Dazu musste er einen Arbeits-
vertrag und auch gewisse Sprachkenntnisse vorweisen. AKTUELLES
Nach dem Abschluss des Asylverfahrens (er besitzt
Claudia Hoch-Rieger heute eine B-Bewilligung) begann er in Luzern Internatio-
Mitglied der Brattig-Kommission nale Beziehungen zu studieren, brach das Studium aber
nach zwei Jahren ab, da er Geld verdienen wollte. Nun
arbeitet er hier und wohnt in Kerns. Dieser Status «gibt mir
ein sehr gutes Gefühl, ich darf nun in Europa reisen»,
erklärt er mir mit einem gewissen Stolz. Er sei schon in AKTUELLES
Deutschland und in Dänemark gewesen. Ich frage ihn, was
er sich für seine Zukunft wünsche. Morteza überlegt lange.
«Ich wünsche mir hier eine gute Zukunft. Ich habe die Men-
1 Siehe https://www.sem.admin. 3 https://www.sem.admin.ch/ talität der Schweizer gelernt und fühle mich inzwischen
ch/sem/de/home/asyl/asylver- sem/de/home/asyl/asylverfah- auch hier zu Hause», sagt er schliesslich. «Ausserdem
fahren/asylregionen-baz.html. ren.html möchte ich wieder studieren, Sozialpädagogik und Politik.» AKTUELLES
Der Vollständigkeit halber: Vor 4 https://www.sem.admin.ch/ Mit seiner Geschichte verstehe er die Situation der hier
dem Krieg geflüchtete Ukrainerin- sem/de/home/asyl/asylverfah- auf dem Glaubenberg gelandeten Asylbewerber sehr gut
nen und Ukrainer laufen nicht über ren/dublin-verfahren.html und könne ihnen auch helfen. Ob er denn je mal wieder in
dieses Asylverfahren. Sie erhalten 5 Afghanistan war oder sich vorstellen könne, wieder dort
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den rückkehrorientierten Schutz- vgl. Handbuch zum Asyl- und
status S. Wegweisungsverfahren, Schwei- zu leben, will ich noch wissen. «Meine ursprüngliche Heimat,
zerische Flüchtlingshilfe (Hrsg), meine Eltern und Familie fehlen mir jeden Tag. Ich war aber
2 Offiziell mit UMA abgekürzt, 2021, Artikel C3 Das
steht für unbegleitete minderjäh- Dublin-Verfahren. seit meiner Flucht nie mehr dort. Zurück gehe ich nur, wenn AKTUELLES
rige Asylsuchende, also Jugendli- 6 dort ein Leben in Freiheit möglich ist. Ob das jemals sein
Mit so einer Reise riskiert er aus-
che, die ohne Begleitung eines serdem, seinen Status als aner- wird, weiss ich nicht. In der Zwischenzeit ist die Schweiz
Erwachsenen oder eines Eltern- meine zweite Heimat geworden.»
teils geflohen sind. kannter Flüchtling zu verlieren.

