Page 62 - 011021023003___01_06.indd
P. 62

60











































           Im grossen Gemeinschaftsraum                                      Oberhalb davon auf der Galerie ist
             bereiten eine Frau und ein paar                                 der kreative Teil zum Malen und
             Männer das Fest zum Ende des                                      Basteln mit einer Ecke nur für
             Ramadans vor. Am Abend soll es                                  Frauen, mit vielen Sofas zum sich
             losgehen und drei Tage dauern.                                  Zurückzuziehen. [Bilder:  zVg]





           warten vier Personen auf mich. Samuel Wyss und Nina Abbühl   gross und hell. Da zurzeit genug Platz ist, hat eine Person zwei
           vom Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement, Staats-  aneinandergestellte Hochbetten für sich zur Verfügung. Diese
           sekretariat für Migration (SEM), sind heute, ebenfalls für die-  Betten-Inseln sind mit brandfester weisser Folie umgeben, um
           sen Besuch, aus Bern angereist. Bereits vor Ort sind die Direk-  Privatsphäre zu schaffen. Pro Zimmer stehen sechs solcher
           torin des Zentrums, Patricia Langer von der Asylorganisation   Inseln. Im Gebäude für die Familien und Frauen ist es ähnlich.
           Zürich (AOZ), die im Auftrag des SEM dieses Zentrum leitet,   «Da wir momentan genug Platz haben, können die Familien je
           und Marco Giorgi, der Objektverantwortliche des SEM, hier auf   ein Zimmer für sich haben. Aber es gab auch schon Zeiten, in
           dem Glaubenberg. Wir stellen uns vor und ich muss meinen   denen es enger war», erklärt Patricia.
           Fotoapparat deponieren. Patricia vom AOZ führt uns durchs   «Das Zentrum hier auf dem Glaubenberg ist ein Zentrum
           Gelände.                                              ohne Verfahrensfunktion, das heisst, diese Personen haben in
               Der Platz, über den wir gehen, ist grossflächig; die vier   der Regel bereits einen Asylentscheid erhalten – und viele
           Gebäude mit ihren gelben Türen und der Holzverkleidung wir-  müssen die Schweiz wieder verlassen, weil ein anderer Staat
           ken freundlich. Meine Beklommenheit ist verschwunden. «Es   für ihr Verfahren zuständig ist oder sie in ihr Heimatland zu-
           ist ruhig, da noch Mittagspause ist», erklärt Patricia. Überall   rückkehren können », erklärt Marco Giorgi. Und Samuel Wyss
                                                                                 3
           sehe ich junge Männer, allein irgendwo sitzen oder in kleinen   ergänzt: «Jedes Asylgesuch wird genauestens von uns ge-
           Gruppen miteinander sprechen. Ich erfahre, dass zurzeit ins-  prüft. Wir schicken niemanden in ein Land zurück, wo sein Le-
           gesamt 320 Personen im Zentrum leben, Platz hätte es für bis   ben gefährdet ist. Die meisten dieser Verfahren verlaufen auch
           zu 640. Die meisten seien junge Männer aus Afghanistan, an-  problemlos.» Viele der Personen auf dem Glaubenberg seien
           dere aus Nordafrika oder Eritrea. Es habe auch einige unbe-  sogenannte Dublin-Fälle . Gemäss diesem Abkommen sei
                                                                                       4
                              2
           gleitete Minderjährige , ein paar Familien mit Kindern, ein-    jenes Land für die Durchführung eines Asylverfahrens verant-
           zelne Frauen mit Kindern und junge Frauen.            wortlich, in dem eine Person zuerst ihr Asylgesuch gestellt
               Sie führt uns durch Aufenthaltsräume, auch mit Spiel-  habe. Das träfe auf viele Menschen hier zu. «Da innerhalb des
           möglichkeiten wie Töggelikästen, Billard und Brettspielen.   Schengen-Raumes keine Grenzkontrollen stattfinden, Asyl-
           Die Zimmer, in denen die Männer untergebracht sind, sind   suchende also nicht ‹eingesperrt› sind, können sie im Prinzip
   57   58   59   60   61   62   63   64   65   66   67