Page 110 - Entlebucher Brattig 2023
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                   Der Gwundrige entdeckt Wunder!



                   Ein Chitin-Juwel im Entlebuch





                   Roman Graf










                   An einem heissen Julitag letzten Jahres war ich beruf-  Wie zum Kuckuck hat sich dieses Tier in die Entlebucher
                   lich an der Schrattenfluh unterwegs. Im Auftrag der   Moorlandschaft verirrt? Wurde es vom Jet-Stream aus
                   «Biosphäre» hatte ich oberhalb Silwängen einige Natur-  dem Elsass herangewirbelt? Reiste es unbemerkt im
                   schutz- und Nutzungsfragen zu beurteilen. Nach einem   Auto eines südfranzösischen Touristen, oder existiert bei
                   strengen, schweisstreibenden Arbeitstag sass ich ein   uns eine kleine Population dieses seltenen Käfers, die
                   bisschen vor mich hin dämmernd, aber natürlich mit der   sozusagen «unter der Nachweisgrösse» dahinvegetiert?
                   nötigen Aufmerksamkeit, am Steuer des Mobilityautos   Alles sehr unwahrscheinlich! Solche Unwahrscheinlich-
                   und kurvte gemütlich talwärts. Bei der Weggabelung    keiten ins Reich der Realitäten zu katapultieren – das
                   nördlich des Wagliseichnubels sah ich am Wegrand      gelingt wirklich nur mit der nötigen Portion Gwunder.
                   einige gefällte Fichtenstämme liegen, deren Rinde sich
                   bereits etwas vom Holz gelöst hatte. Da packte mich der   Roman Graf, *1959, Horw
                   Gwunder. Als Hobby-Käferforscher sind solche Stämme   Biologe
                   für mich als potenzieller Fundort von Bockkäfern und
                   Prachtkäfern sehr attraktiv. Also parkierte ich am Weg-
                   rand und schlurfte, gezeichnet von den vielen bewältig-
                   ten Höhenmetern, zu den in stechender Sonne liegen-      Der Grosse Puppenräuber ist  Die Grossen Puppenräuber
                   den Stämmen hinüber. Ohne grosse Hoffnungen lüpfte       mit 17,5 bis 28 Milli metern   sind tagaktive Räuber und
                   ich eine Rinde und erschrak gewaltig. Da wuselte ein     Körperlänge die grösste Art     klettern auf der Jagd auch
                   riesiger, grün glänzender Käfer in Windeseile davon und   der Puppen räuber in Europa.  auf die Bäume. Ihre Nahrung
                   versteckte sich unter der nächsten Borke. Also musste    Die Tiere kommen in der ge-  besteht überwiegend aus Rau-
                   auch diese Rinde weg. Da ich nun vorbereitet war,        samten Paläarktis mit Aus-  pen und Puppen der Schmet-
                                                                            nahme des hohen Nordens
                                                                                                   terlinge und Blatt wespen. In
                   gelang es mir diesmal, den Käfer zu fassen. Ich traute   vor. In Nordamerika und   einer  Saison frisst ein Käfer
                   meinen Augen kaum, konnte das Tier aber sofort als       nach Java wurden sie zur   etwa 400 Raupen. Auch die
                   Puppenräuber identifizieren. Diese unverwechselbare      biologischen Schädlings-  Larven ernähren sich räube-
                   Art findet man fast nur dort, wo gerade eine Raupen-     bekämpfung Anfang des   risch von Raupen und Puppen.
                   plage herrscht, wo sich zum Beispiel die Eichenlaub      20. Jahrhunderts eingeführt.      Die Überwinterung findet als
                                                                                                   ausgewachsenes Tier im Boden
                                                                            Sie leben in Nadel- und Laub-
                   fressenden Schwammspinner-Raupen in Massen ver-          wäldern und an deren Rän-  statt, die Käfer werden bis zu
                   mehrt haben. Diesen stellt er dann nach und erweist      dern. Man findet sie vom   drei Jahre alt.
                   sich so als äusserst nützlich. Massenvermehrungen        Flachland bis in eine Höhe   [Quelle: Wikipedia]
                   von Raupen geschehen in warmen Gegenden, wie dem         von etwa 1500 Metern.
                   Elsass oder dem Tessin vielleicht alle paar Jahrzehnte
                   – aber nicht doch im Entlebuch! Ein Blick auf die Ver-
                   breitungskarte des «Centre Suisse de la Cartographie
                   de la Faune» zeigt denn auch: Ein Puppenräuber wurde
                   in der Zentralschweiz letztmals 1928 gefunden, vor fast
                   100 Jahren also. Der Fundort lag damals beim Gütsch-
                   wald in Luzern.
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