Page 101 - Entlebucher Brattig 2023
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           Homo «gwundricus»* oder wozu menschliche

           Intelligenz fähig ist






           Nathalie Emmenegger










           «Was unterscheidet d Mönsche vom Schimpans?», fragte   etwa die kopernikanische Lehre, die nicht die Erde, son-
           Mani Matter in seinem berühmten Lied. Ein urmensch-   dern die Sonne als Mittelpunkt des Universums sah und
           liches Merkmal ist der unbändige Erfindungs- und Ent-  damit das christliche Weltbild in Frage stellte, von der
           deckungsdrang, der die Menschen immer wieder dazu     Kirche verboten.
           bringt, auf der Suche nach Neuem ihr gewohntes Umfeld
           zu verlassen und sich dabei Unannehmlichkeiten, Gefah-  Wissen, Macht, Geld
           ren oder sogar dem Tod auszusetzen. So eroberte unsere
           Gattung von Ostafrika aus den ganzen Planeten und     Ab zirka 1500 entwickelte sich die Wissenschaft immer
           erschuf sich eine niemals stillstehende, im Sog der Opti-  schneller. Durch zahlreiche Entdeckungsfahrten wurde
           mierung unablässig fortschreitende Welt. Ob Medizin,   das Weltbild der Menschen erweitert, gleichzeitig ermög-
           Physik oder Technologie – wo wären wir heute ohne die   lichte die Erfindung des Buchdrucks eine nie zuvor dage-
           erleuchtenden Heureka-Momente vieler Wissenschaftler,   wesene Verbreitung von Wissen. Die wissenschaftlichen
           Tüftlerinnen und Techniker, die den Sachen auf den Grund   Fortschritte wären allerdings niemals möglich gewesen
           gingen und auch nach unzähligen Fehlversuchen nicht   ohne finanzielle Investitionen durch Geldgeber. Also ging
           lockerliessen, bis endlich die ersehnte Antwort gefunden   die Wissenschaft einen ebenso segens- wie folgenrei-
           war? Dabei ist das Streben nach Erkenntnis und Fortschritt   chen Pakt mit dem Kapitalismus ein: Finanzielles Kapital
           eine der grössten Paradoxien der Menschheit – denn nir-  ermöglicht Forschung, wissenschaftliche Erkenntnisse
           gends stehen Leben und Tod, Wachstum und Zerstörung,   und Erfindungen bringen Geld ein, welches wiederum
           Freiheit und Zwang so nah beieinander wie in der moder-  für neue Forschungszwecke investiert wird – und weiter
           nen Wissenschaft.                                     dreht sich der Kreis. Die Machtverhältnisse sind dabei
                                                                 nach wie vor klar verteilt. Bestimmte früher die Kirche
           Lizenz zum Wissen                                     über Scheitern oder Erfolg der Wissenschaft, so sitzen
                                                                 heute Wirtschaft und Politik am längeren Hebel, von wo
           Antrieb und Ursprung der wissenschaftlichen Forschung   aus sie die Forschung unterbinden oder gezielt für ihre
           sind letztlich nichts anderes als das Eingeständnis der   Zwecke einsetzen können.
           eigenen Unwissenheit und der Wille, etwas daran zu    «Wissen ist Macht», sagte der englische Philosoph Francis
           ändern. «Ich weiss, dass ich nichts weiss», war sich der   Bacon im Jahr 1597. Heute würde er vermutlich zustim-
           griechische Philosoph Sokrates schon um 400 vor Christus   men, dass Wissen zwar mächtig, aber Geld noch ein biss-
           sicher. Während des Mittelalters rückte diese Erkenntnis   chen mächtiger ist.
           allerdings in den Hintergrund. Zwar wurden in Europa
           seit dem 12. Jahrhundert zahlreiche Universitäten gegrün-  Die Sache mit der Verantwortung
           det, allerdings legte man dort das Augenmerk haupt-
           sächlich auf die Vermittlung des bereits bekannten Wis-  Ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte der
           sens, anstatt die Forschung weiter voranzutreiben. Nicht   Wissenschaft und der gesamten Menschheit spielte sich
           das einzige, aber doch ein bedeutendes Sandkorn im    am 16. Juli 1945 im US-Bundesstaat New Mexico ab:
           Getriebe des wissenschaftlichen Fortschritts war dabei   Auf einem Testgelände zündete das Forscherteam um
           die Machtposition der Kirche: Ihrer Ansicht nach war   Robert J. Oppenheimer die erste Atombombe der Welt.
           nämlich alles, was es über die Welt zu wissen gab, in der   Seit diesem Moment hat die Menschheit – der Wissen-
           Heiligen Schrift offenbart. Wer es wagte, an diesen Grund-  schaft sei Dank! – die Möglichkeit, sich selbst und alle
           festen zu rütteln, hatte einen schweren Stand. So wurde   anderen Lebewesen gänzlich auszulöschen. Spätestens
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