Page 54 - Entlebucher Brattig 2019
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               Änziloch, 0099 Bramboden



               Am tiefsten Punkt




               Friedrich Schmid











               Meine Grossmutter hatte den Schmutzli vor fast hundert
               Jahren mit dem damals neuesten Kommunikations-
               mittel ausgestattet. Tat ein Kind nicht, wie es sollte,
               hiess es «0099 Bramboden» und meinte damit ein
               bedrohliches Telefonat ins Änziloch. Mochte sein, dass
               sie ihre Drohung mit einem Augenzwinkern begleitete.
               In meiner eigenen Kindheit war der Schmutzli nur am
               6.Dezember eine Gefahr, und auch das nur halbwegs,
               weil eine Portion Selbstgerechtigkeit mir sagte, dass ich
               nichts dermassen Schlechtes getan hatte, was des
               strafenden Änzilochs würdig gewesen wäre, und weil
               diese magische Welt schon immer höchstens meinen
               Halbglauben fand.

               Einmal steckte ich dennoch bereits zur Hälfte im Jute-
               sack, und jetzt als alter Knabe wollte ich endlich wissen,
               wohin ich damals gekommen wäre, hätte der Schmutzli
               am Ende nicht doch Milde walten lassen. Ich wollte in
               dieses Loch, zu diesem tiefsten Punkt, hinuntersteigen,
               und weil inzwischen die reale Arthrose den mythischen
               Schmutzli in seiner strafenden Boshaftigheit längst über-  [Illustration: Benno Baumeler]
               boten hat, wollte ich es knieschonend tun. Die Lösung
               hiess Hapfig. Am 31. Juli war es endlich so weit. Sicheres  Mein Weg führte mich hoch zum Oberänzi, wo ich die
               Wetter, beste Gelegenheit, mich mit meinem Roller ins  Naturszenerie in der Vogelperspektive vor mir hatte,
               Entlebuch zu wagen, bei der Rossei abzweigen, am Pintli  spektakulär, aber kaum erschreckend. Nicht einmal der
               vorbei zum Paradiesli, dann hoch, den Chrache links   Schwarze in der Stächelegg vermochte die gesuchten
               liegen lassend, bis zum Hapfig, alles auf bester und  Geister wirklich zu wecken. Erst auf der Fahrt zurück
               erlaubter Strasse. Und dann ging es zu Fuss nur ein   geschah etwas: Es war endlos bis zum Paradiesli hin-
               wenig hinunter, durch Wiese und Wald. Auf halbem Weg  unter, endlos der Fontanne entlang, endlos hoch zum
               steht das Haus Änziloch, geradezu putzig hergerichtet  Kienis und endlich endlos dem Grat entlang nach
               mit weissen Vorhängen vor jedem einzelnen Fenster.    Holzwegen. Erst da war mir klar, warum das Änziloch,
               Ganz unten führt ein alter Steg über den Graben, der  hart an der Berner Grenze, sich hervorragend eignet
               sich bachab in einem tiefen Loch verliert. Bachauf ging  zum verwunschenen Ort. Zweierlei habe ich auf meiner
               ich über aufgestaute Schotterbetten, vorbei an gelegent-  Erkundung nicht herausgefunden: Wo schaut Laura
               lichen Wassertiefen, bis ich mit normalen Wanderkünsten  im Film ins Änziloch hinunter? Und wie kam meine
               nicht mehr weiterkonnte. Ich war da unten die einzige  Grossmutter auf Bramboden, wo der doch über zwei
               verlorene Seele. Zwar wusste ich jetzt, wie es hier aussah,  Wegstunden entfernt ist?
               aber nicht genau, wohin ich damals gekommen wäre,
               ins Haus, zum Bach oder einfach in dieses ziemlich    Friedrich Schmid, *1951, Einsiedeln
               abgeriegelte Areal.                                   lic.phil., pensionierter Deutschlehrer
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