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           Annelies Bichsel

           Aufbruch in die Ohnmacht




           «Es tut unheimlich weh, so allein gelassen zu sein»












           Der Empfang ist überaus herzlich. Mit wachen Augen und ei-  Ein aktives Leben
           nem warmen Blick fängt Vreni Stähli mit ihrem charmanten   Im November konnte Peter Stähli seinen 70. Geburtstag
           Berner-Oberländer-Dialekt zu erzählen an. Sie freut sich, un-  feiern. Der Bäcker-Konditormeister aus Flums SG hat nach sei-
           gezwungen über die schwere Demenzerkrankung ihres Mannes   ner Ausbildung Schulungen geleitet, China und Australien be-
           Peter reden zu können. Dieser weilt gerade im «immomänt» in   reist und wanderte früh nach Amerika aus, wo er eine Bäckerei
           Malters, wo er seit September 2022 einmal pro Woche zur Ent-  führte. Seine Freundin Vreni reiste ihm zwei Jahre später hin-
           lastung hingeht. «Warum soll ich nicht darüber reden? Es ist   terher und die beiden gründeten eine Familie. Ihre beiden
           doch einfach so. Jeder merkt, dass mit Peter etwas nicht   Töchter Christine (Jahrgang 1982) und Caroline (1984) wurden
           stimmt. Deshalb habe ich mich entschieden, nicht zu schwei-  beide in Amerika geboren. Ihr Mann ging im Beruf auf, konnte
           gen und vielleicht macht es anderen Mut, auch darüber zu   sich verwirklichen, während seine Frau ganz für die Familie da
           reden.»                                               war. Nach zwölf respektive zehn Jahren kehrten sie zusammen
                                                                 in die Schweiz zurück. Er fand bei der Hug AG in Malters Arbeit.
                                                                 «Immer wieder wurde mein Mann abgeworben, er war kompe-
                                                                 tent und beliebt, hat sich nie um eine Arbeitsstelle bewerben
                                                                 müssen», stellt sie rückblickend fest. Er wechselte seinen
                                                                 Arbeitsplatz nach Zürich, später zur Richemont Bäcker-Fach-
                                                                 schule, wo er im Labor arbeitete und Einführungskurse für
                                                                 Lehrlinge gab. Zu guter Letzt war er im Labor der Meyerhans
                                                                 Mühle in Malters tätig.
                                                                     Leidenschaftlich spielte er in einer Alphorngrossforma-
                                                                 tion mit, pflegte zahlreiche andere Hobbys und liebte die Ge-
                                                                 selligkeit in froher Runde. Der begnadete Koch verwöhnte oft
                                                                 Familie und Gäste. Von Verwandten wurde der Familie Stähli
                                                                 das schmucke Haus auf Farnbüel angeboten, wo sie gerne im
                                                                 und ums Haus werkeln.

                                                                     Etwas stimmt da nicht
                                                                     «Als Peter etwa 62 Jahre alt war, stellte sein Chef fest, dass
                                                                 etwas mit meinem Mann nicht stimmt. Der Hausarzt wollte ein-
                                                                 fach Tabletten verschreiben, das wollte Peter nicht.» Schliess-
                                                                 lich übermittelte er ihn an die Memoryklinik zur Abklärung. «Ich
                                                                 wollte die Diagnose Demenz nicht wahrhaben. Dachte, bestimmt
                                                                 haben sie sich in der Klinik getäuscht», berichtet Vreni Stähli
                                                                 sichtlich bewegt. Doch die Anzeichen häuften sich und die Tat-
                                                                 sache  bewahrheitete  sich  immer  mehr.  Telefonieren wurde
                                                                 schwieriger, immer öfter fehlten die Worte. Ein erneuter Test ein
                                                                 Jahr später bestätigte die traurige Wahrheit. Dank reduziertem
                                                                 Arbeitspensum konnte er bis zur Pension weiterarbeiten. Aus
                                                                 dem aufgestellten und überaus hilfsbereiten Mann wurde bald
                                                                 ein passiver Stubenhocker mit verändertem Verhalten.
           [Bild: cr]
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