Page 87 - Entlebucher Brattig 2019
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Die Punktschrift – eine grosse Hilfe für blinde Menschen
Raimund Süess
Wie alles begann…
Es war im Jahr 1812, als sich ein dreijähriger franzö-
sischer Junge mit einer Lederschere seines Vaters am
Auge verletzte. Dieser Unfall führte zu einer Infektion,
die sich auch auf das unversehrte Auge übertrug, was
bei ihm zwei Jahre später schliesslich zur vollständigen
Blindheit führte. Ohne dieses einschneidende Ereignis
im Leben von Louis Braille wäre es wohl nie zur Erfin-
dung der Punktschrift gekommen, die bis heute ein
brillantes, unersetzliches und international einsetzbares
Hilfsmittel für die schriftliche Kommunikation von blinden
und stark sehbehinderten Menschen darstellt.
Zwar gab es schon zu jener Zeit erste Ideen davon, wie
man eine Blindenschrift entwickeln könnte, so beispiels-
weise in Form eines Setzkastens oder von plastischen
Buchstaben. Davon liess sich Louis Braille inspirieren.
Zunächst experimentierte er mit Dreiecken, Quadraten
und Kreisen aus Lederstücken. Als Elfjähriger kam er Die Blindenschrift oder Braille-
dann mit der für militärische Zwecke erfundenen Schrift basiert auf Punkten, die
«Nachtschrift» in Kontakt, ein kompliziertes System aus sich vom Papier abheben und mit
den Fingern ertastet werden.
Punkten und Silben. Diese Schrift nahm Braille als Vor- [Bilder: Raimund Süess]
lage, an welcher er weiter tüftelte, bis er 1825 (mit 16
Jahren) die Blindenschrift, wie sie heute noch besteht,
fertig erstellte. in einem solchen Karton an sechs verschiedenen Orten
platziert werden, mit zwei Eiern stehen 15 Möglichkeiten
Das System zur Verfügung usw. Insgesamt ergeben sich so 64 Varia-
tionen (26).
Damit die Punkte vom Anwender ertastet werden können, Aus all diesen Möglichkeiten hat Louis Braille das
stehen sie von der Grundfläche, auf der sie sich befinden, Blindenschrift-Alphabet entwickelt, das sich wie folgt
etwas ab. Das Material ist in der Regel Papier, kann aber darstellt:
auch Metall sein, wenn man etwa an einen Handlauf
oder an die Angabe der Etagen in einem Lift denkt.
Die Funktionsweise der Blindenschrift ist keineswegs so
komplex, wie es auf den ersten Augenblick erscheint.
Als Ausgangslage dienen sechs mögliche Punkte, die in
zwei parallel verlaufenden Linien dargestellt sind, genau
gleich wie die Augenzahl eines Würfels. Zur Ver-
anschaulichung kann auch an einen Eierkarton, in dem
sechs Eier Platz haben, gedacht werden. Ein Ei kann

