Page 48 - Entlebucher Brattig 2019
P. 48
047 entlebucher brattig 2019
Tüpfli, Tüpfli – nichts als Tüpfli
Richard Portmann
Michael Grau als Schüler der damaligen ersten Real-
klasse kann sich noch gut an die zwei Doppellektionen
Bildnerisches Gestalten erinnern. Er durfte zusammen
mit seinen 17 Klassenkolleginnen und Kollegen Tupfen
malen, je nachdem kauernd oder auf die Knie gestützt.
Das Papier lag auf dem Schulzimmerboden, war aus
einzelnen Bögen zusammengeklebt, über sechs Meter
lang und fast einen Meter breit. Die Schüler malten nicht
nur – jedes in einer anderen Farbe – sondern mussten
jeden einzelnen Tupfen auch zählen. Bei einem voll-
endeten Hunderter hiess es aufstehen und das Ergebnis
mit Jassstrichen an der Wandtafel festhalten.
Als früherer Lehrer von Michael Grau und somit der ers-
ten Realklasse sind meine Erinnerungen an das Tüpfli-
bild immer noch lebendig. Erleichtert wird mein Zurück-
blicken auf diese besonderen Zeichnungsstunden, weil
ich das Unterrichtsheft aus dem Schuljahr 1993/1994
noch besitze. Am 24. August steht da geschrieben: «Idee
eines Künstlers umsetzen, der auf einer Wand mit den
Massen 23 auf 4 Meter eine Million Tupfen gemalt hat.»
Nun gut, das war weit entfernt von meinen Vorstellun-
gen, was die Menge betrifft. Aber einige Tausend muss-
ten schon sein, denn meine Absicht war, dass die Schü-
ler ein Gemeinschaftswerk schaffen und dabei sehr
konzentriert arbeiten. Deshalb verlangte ich auch das
Zählen der Tupfen. Im Weiteren wollte ich im Oberstu-
fenschulhaus bei den anderen Klassen einen Wettbe-
werb durchführen, in dem die Zahl der Tupfen geschätzt
wird. Aus diesem Grund habe ich das Total meinen
Schülern vorerst nicht verraten. Am 7. September ist im
Unterrichtsheft eingetragen: «Gesamtzahl der Tupfen
50066.» Übrigens: Die besten drei Schätzungen beim Michael Grau zeigt auf eines von
Wettbewerb lagen nur 45, 59 und 110 daneben. Tausenden von ihm gepinselten
schwarzen Tüpfli.
[Bild: Richard Portmann]
Michael Grau ist heute 38 Jahre alt, selbstständiger
Kaminfegermeister, und wohnt mit seiner Familie wissen. «Natürlich schwarz», war seine Antwort, denn
am Feldweg 14 in Entlebuch. Wir sind also Nachbarn für Schwarz hätte er schon immer Sympathie empfunden
und tauschen dann und wann Erinnerungen an unsere und schwarz sei schliesslich nun auch sein Beruf.
«gemeinsame» Schulzeit aus. Welche Farbe Michael
damals auf das Papier getupft hatte, wollte ich von ihm Richard Portmann, Mitglied der Brattigkommission

