Page 91 - Entlebucher Brattig 2023
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auch ein Fragen. Ein anderes Beispiel aus der Literatur Beispiel des Sternenhimmels nochmals auf. Nicht alle
zeigt auf, wie aus dem «Gwunder» über das Staunen sind beim Staunen über die Unendlichkeit des Alls stehen
und Fragen hinaus eine Suche werden kann. geblieben. Heute haben wir Bilder von der Erde aus dem
All fotografiert, von entfernten Planeten und Galaxien.
«Gwunder» als Suche Die Unendlichkeit ist so zwar nicht vorstellbar geworden,
aber wenigstens ein kleines bisschen anschaulicher.
In Lewis Carrolls Geschichte «Alice im Wunderland»
sieht die kleine Alice einen weissen Hasen, der vor sich «Gwunder» als Neugier
hinmurmelt, er sei zu spät, und danach eine Uhr aus
seiner Westentasche zieht, um dies zu überprüfen. Alice, Als letzter Gedanke sei noch kurz der Blick über die
«brennend vor Neugier», folgt dem Hasen, fällt in ein Dialekt grenze gewagt. «Gwunder» ist: Die «Neugier».
Kaninchenloch und findet sich bald in einer Welt wieder, Zuerst erscheint die Bezeichnung ein wenig frech: Die
die alle ihre Vorstellungen davon, was möglich oder «Gier» unterstellt den «Gwundernasen», dass sie kein
unmöglich ist, auf den Kopf stellen. Mass halten können. Aber vielleicht stimmt es auch:
Sind «Gwundernasen» nicht genau die Menschen, die
Man sieht sofort, Alice ist eine «Gwundernase» im Wort von Neuem nie genug kriegen können und auf jede
sinn. Ihre Geschichte beginnt mit ihrem Gwunder über Antwort fünf weitere Fragen finden?
den seltsamen Hasen. Er ist etwas Neues für sie: Noch
nie hat sie einen sprechenden Hasen gesehen, und schon Dass man es mit seinem Wundern und Gwundern auch
gar keinen, der eine Weste trägt. Doch Alice bestaunt mal zu weit treiben kann, beschreibt eine Anekdote über
den Hasen nicht nur, noch fragt sie beispielsweise ihre den antiken Gelehrten Thales von Milet. Er soll sich so
Eltern, was es mit diesem Hasen auf sich hat – nein, in den Sternenhimmel vertieft haben, dass er nicht auf
sie will diesem wunderlichen Geschehen selber auf den seine Schritte achtete und in einen Brunnen fiel. Eine
Grund gehen. Magd, die das beobachtete, lachte ihn aus.
Dies scheint mir eine weitere Eigenschaft der «Gwund «Gwundernasen» müssen ab und zu mit Spott oder
rigen» zu sein: Der Wunsch, die Erklärungen für das Unverständnis auskommen, wenn sie ihr Interesse wieder
scheinbar Unerklärliche zu suchen. Das kann, wie bei etwas zu weit getragen hat. Und doch sollten wir uns ab
Aristoteles, ein Fragen sein; das kann aber auch, wie und zu an ihnen ein Beispiel nehmen. Wir können nicht
bei Alice, ein Suchen und Forschen werden. Wer staunt, alle Astronauten werden, aber es lohnt sich nur schon,
betrachtet mit offenem Mund das, was er oder sie nicht zwischendurch innezuhalten und sich bewusst zu machen,
versteht. Die Gwundrige macht sich auf den Weg, dem was die Welt uns alles an Staunenswertem und Wunder
Rätsel auf die Spur zu kommen. barem zu bieten hat.
So dürfen wir vielleicht in Anlehnung an Aristoteles Lukas Studer, *1994, Luzern / Schüpfheim
den «Gwunder» als den Ursprung der Forschung anneh Masters of Arts in Philosophie und Slavistik
men. «Gwundernasen» haben uns ständig Fragen beant
wortet, gleichzeitig aber auch immer neue aufgeworfen. Literatur
Im Feld der Biologie haben sie es sich zur Aufgabe Aristoteles: Metaphysik. Hamburg 1989.
gemacht, dem Geheimnis lebendiger Organismen, der Carroll, Lewis: Alice’s Adventures in Wonderland. Bridlington 1990.
Fortpflanzung und so weiter auf die Spur zu kommen.
Ihre «Gwunderei» hat zur Entschlüsselung des geneti
schen Codes, der DNA, geführt. Oder nehmen wir das
«Wer den Sinn
für das Wunderbare verliert,
dessen Leben ist bar
jeder Wunder.»

