Page 90 - Entlebucher Brattig 2023
P. 90

089                               entlebucher brattig 2023





                   Von Aristoteles zu Alice



                   Betrachtungen über den «Gwunder»





                   Lukas Studer









                                    «Wer aus seinem Wundern

                                        kein Suchen macht,


                                  der wird aus dem Staunen


                                           nicht herauskommen.»






                   Mussten Sie sich als Kind einmal anhören, Sie seien   seine Aufmerksamkeit immer grösseren Dingen zu,
                   eine «Gwundernase», wenn Sie Ihren Eltern wieder mal   zum Beispiel den Sternen und Planeten. So gelangt
                   eine Frage zu viel gestellt hatten? Oder, an die Eltern   man weiter zu den grundsätzlichen Fragen, wie der
                   unter Ihnen – haben Sie der Fragerei Ihrer Kinder (sagen   Frage nach der Entstehung der Welt.
                   wir, auf die Frage, was es zu Mittag gibt) schon mal mit
                   der Antwort «Gwundernase und Schmöckbrötli» ein       Aristoteles setzt das Wundern gleich mit dem «Nicht­
                   Ende gemacht?                                         Verstehen». Hier scheinen mir zwei Arten von Dingen
                                                                         und Geschehnissen zentral zu sein: Was «Gwunder»
                   Das Wort «Gwundernase» ist eines dieser schönen       weckt, ist entweder das Neue, Unbekannte – oder etwas,
                   schweizerdeutschen Wörter – der Duden findet keine    das unsere Vorstellungskraft übertrifft. Dass Aristoteles
                   «Wundernase» – das einiges beinhaltet. Dass wir hier   das Beispiel des Sternenhimmels gewählt hat, passt
                   die Nase finden, verwundert nicht: Sie taucht auch sonst   in dieser Hinsicht wunderbar. Die Unendlichkeit können
                   auf, wo es um den «Gwunder» geht. Wenn man zu viel    wir uns nicht vorstellen, aber wo kämen wir näher an
                   wissen will, steckt man sie in Dinge, die einen nichts   sie heran, als wenn wir unseren Blick im weiten Sternen­
                   angehen. Und Leute, die etwas herausfinden, haben     himmel verlieren?
                   den «richtigen Riecher» bewiesen. Lassen wir das
                   Riechorgan also beiseite, und widmen wir uns dafür    Beim Unvorstellbaren kommt nun auch das «Wunder»
                   dem «Gwunder».                                        ins Spiel, das wir im «Gwunder» natürlich auch finden.
                                                                         Wunder sind die Ereignisse, die über unsere Vorstellungs­
                   «Gwunder» als Staunen und Fragen                      kraft hinausgehen. Wie und über was wir uns wundern,
                                                                         hängt daher immer auch mit unserer Vorstellungskraft
                   Der griechische Philosoph Aristoteles bezeichnete     zusammen. So sagen Leute, die sich einiges auf ihre
                   das Wundern – oder, in anderen Übersetzungen, das     Erfahrung einbilden, schon mal: «Mich wundert gar
                   «Staunen» – als Ursprung des Philosophierens und      nichts mehr.» (Es sei hier dahingestellt, ob das tatsäch­
                   der Wissenschaft. Bei Aristoteles beginnt das Staunen   lich immer positiv zu werten ist.)
                   bei einzelnen Dingen, die man sich zunächst nicht erklä­
                   ren kann – man könnte hier an das Staunen über einen   Die Vorstellungskraft sollte durch das Wunderbare aber
                   Regenbogen denken, wenn man einen solchen zum         nicht überfordert, sondern im besten Fall herausgefor­
                   ersten Mal sieht. Danach, so Aristoteles, richtet man   dert werden. Bei Aristoteles wird aus dem Staunen denn
   85   86   87   88   89   90   91   92   93   94   95