Page 134 - Entlebucher Brattig 2019
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Wunde mit einem Wattebäuschchen. «Tüpfel», «Tüpfli» schiisser». Wem das noch nicht genügt, der vergesse
oder «Tüpfelchen» sind nurmehr verschiedene Verkleine- nicht, wie sich das «Tüpfli» flugs in eine wenig schmeichel-
rungsformen des ursprünglichen «Tupfs». hafte Bezeichnung für eitle, übertrieben herausgeputzte
Was aber zeichnet den Tupf aus, dass wir ihm hier einen oder etwas hochnäsige Frauen abwandeln lässt – weg mit
solchen Stellenwert einräumen? Zunächst einmal findet dem L, und das «Tüpfi» steht bereit. Sieg nach Punkten
man beim «Tupf» mit etwas gutem Willen das, was die für das Schweizerdeutsche, jedenfalls im Kleinen.
Sprachwissenschaft «Onomatopoesie » nennt – das Wort Ähnliche Beispiele, die uns die Vielfalt von scheinbar so
klingt so, wie das, was es bezeichnet. Der «Tupf» simplen Wörtern aufzeigen, gäbe es zweifellos noch
hüpft schon fast von den Lippen, die wie zum mehr. Kämpft man manchmal mit der eigenen
Kuss gespitzt das abschliessende «pf» for- Muttersprache, verweigert sie einem die
men. Das Wort verströmt schon die Worte, kommt sie einem sperrig oder
bewegte Leichtigkeit, die wir mit grob vor, so kann man sich vor
dem konkreten Tupf verbinden. Augen führen, dass sie uns auch
Hier, das dürfen wir uns un- präzise und dabei formschöne
bescheiden eingestehen, hat Worte zur Verfügung stellt, und
das Schweizerdeutsche dem wie viel sich aus einem simp-
Hochdeutschen einiges vor- len Wortstamm her- und ab-
aus. Die hochdeutschen «Tup- leiten lässt. So wird Sprache
fen»/«Tupfer» kommen schon spannend, so entstehen Wort-
etwas ungelenker daher, als witze, Sprachspielereien, nicht
ihre kürzere Variante. Noch zuletzt auch Poesie. Auf diese
offensichtlicher wird der Unter- Weise ist Sprache mehr, als nur
schied aber beim Diminutiv, der Mittel zur Kommunikation. Dafür
Verkleinerungsform. Wie könnte sollen uns das «Tüpfli» und seine
man den Tupf, an sich schon klein Verwandten als Beispiele herhalten.
genug, noch kecker und noch spritziger Was den kleinen Wettstreit zwischen dem
machen, als mit dem allseits beliebten «-li»? Es Schweizer Dialekt und dem Hochdeutschen
ist diese so typisch schweizerische Silbe, für welche betrifft, so nehme man diesen mit etwas Humor, und
unsere nördlichen Nachbarn unsere Sprache so oft be- es möge sich kein Leser, keine Leserin aus der deutschen
lächeln (und vielleicht auch beneiden?), die den Tupf zur Nachbarschaft – es sei noch einmal erlaubt – «getüpft»
Vollendung bringt. «Tüpfli», verschmitzt und filigran, fühlen.
läuft seinem hochdeutschen Partner «Tüpfelchen» (zehn
Buchstaben!) endgültig den Rang ab. Auch der ebenfalls Lukas Studer, *1994, Schüpfheim, Student der
mögliche hochdeutsche «Tüpfel», vermag hier nicht Philosophie und Slavistik an der Universität Zürich
mehr zu helfen. Er wird laut Duden nur selten verwendet,
und zudem setzt man in Deutschland ein Tüpfelchen, kei-
nen Tüpfel, aufs i. Die Schweizer aber haben auch hier ihr
Tüpfli, und bilden daraus erst noch unvergleichliche
Wortschöpfungen wie den berühmtberüchtigten «Tüpfli-

