Page 133 - Entlebucher Brattig 2019
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       Das Tüpfli, es lebe hoch!










       Lukas Studer











       Nehmen wir uns die Zeit für eine kleine Wertschätzung  len die sprichwörtlichen hundert Punkte zu holen, oder
       gegenüber unserer Muttersprache! Zugegeben, das Deut-  bei seinen Kameraden zu punkten, indem man sich nicht
       sche kommt im Vergleich mit anderen Sprachen manch-   verspätet, also – pünktlich ist. Diese Vielfalt eines einzi-
       mal ein wenig grobschlächtig daher. Hier begegnen     gen Wortes spricht bereits für sich. Doch das Deutsche
       einem übertrieben lange Wörter, insbesondere wenn     macht hier nicht halt und erweitert die Punktlandschaft:
       sich Juristen oder Politiker austoben (man nehme als  Es entsteht der «Tupf», und selbstverständlich der Held
       Beispiel das deutsche «Bundesausbildungsförderungs-   dieses Textes, das schweizerdeutsche «Tüpfli».
       gesetz»). Die deutsche Grammatik arbeitet mit vie-        Ja, wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen
       len Hilfsverben, die man zu scheinbar end-                      Punkt und Tupf? Und wo kommt das Tüpfli
       losen Ketten zusammensetzen kann                                    ins Spiel? Zugegeben – die Frage brennt
       (Futur II Passiv – «ich werde morgen                                  vielleicht nicht unter den Nägeln. Man
       entlassen worden sein» – nicht                                          könnte sogar meinen, dass sie
       schön, aber vollständig den gram-                                         sich mit einem kurzen Blick ins
       matischen Regeln des Hoch-                                                 Wörterbuch beantworten lässt.
       deutschen entsprechend). Doch                                              «Tupf», so erklärt uns der Duden,
       wenn sich die Brattig dem                                                   sagt man vornehmlich in Süd-
       Thema «Punkt» widmet, wollen                                                deutschland, Österreich und der
       wir uns nicht auf die Längen                                                Schweiz, in Deutschland hört
       der Sprache fokussieren, son-                                              man vornehmlich «Tupfen» oder
       dern uns bewusst machen, wo                                                auch «Tupfer», und das wiederum
       ihre Vorzüge liegen. Wie so oft gilt                                      ist ein «Punkt», oder «kreisrunder
       auch hier – erfreue dich an den klei-                                    Fleck». Alles mehr oder weniger das
       nen Dingen! Und zu denen zählen die                                    Gleiche, könnte man meinen. Punkt,
       Punkte zweifelsohne.                                                 Tupf, Tupfen, das ist doch getupft wie
       Der Punkt ist ja an sich schon vielseitig ein-                   gesprungen, und sowieso wissen wir ja, wel-
       setzbar. Punkte helfen dabei, sich in Texten zurecht-       ches Wort wir wann verwenden. Also, den Unter-
       zufinden – oft ganz bescheiden am Ende des Satzes,    schied zwischen Punkt und Tüpfli zu suchen, das muss
       manchmal hochgestapelt zum Doppelpunkt (Achtung,      wohl einem in den Sinn kommen, der ohnehin dazu neigt,
       jetzt kommt etwas); ab und zu mit Bruder Komma zum    die letzteren zu sch* – Sie wissen schon.
       Strichpunkt vereint. Wer sich einmal an alten Texten ver-  Wagen wir trotzdem einen kurzen Blick auf die Herkunft
       sucht hat, in denen die Satzzeichen ganz fehlen, wird sich  des «Tüpflis» und seiner Verwandten: Der «Tupf» geht
       bewusst, wie sehr uns der Punkt die Lektüre erleichtert.  zurück auf das althochdeutsche Wort für einen kleinen
       Sportvereine sammeln Punkte, um die Tabellenspitze zu  Stoss oder Schlag. Das Verb «tupfen» bedeutete in seiner
       erreichen; Studierende berechnen jedes Semester, wie  früheren Form, etwas zu waschen oder zu befeuchten,
       viele «ECTS-Punkte» zeitlich machbar sind; Politiker ver-  auch mit dem Wort «tief» ist es verwandt und wird des-
       suchen manchmal, den Punkt zum Springen zu bringen,   halb auch mit «eintauchen» in Verbindung gebracht. Aus
       während sich die Zuhörer wünschen, der Redner möge    diesen beiden Wurzeln werden viele der heutigen Bedeu-
       die Sache doch endlich auf den Punkt bringen. Man kann  tungen einsichtig: Der «Tupf» als durch einen kleinen
       versuchen, eine Punktlandung zu machen, bei Ratespie-  Stoss entstandene Fleck ebenso wie das Abtupfen einer
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