Page 125 - Entlebucher Brattig 2019
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haben gezeigt, dass solche Augenflecke hungrige Vögel
tatsächlich abschrecken. Selbst wenn sie gar nicht wie Vögel
Augen aussehen und oft eine ungerade Anzahl haben. Bei Vögeln ist die Vielfalt an
Apropos: Sogar ihre Raupen sind manchmal getupft. Punkten oder gar Augen im
Ganz typisch etwa jene des Schwalbenschwanzes, die Gefieder gross. Das geht von der
sich am «Rüeblikraut» sattfrisst. auf unseren Bergwiesen häufigen
Misteldrossel mit vielen schwarzen
Pünktchen bis hin zum Auffälligsten
aller Vögel, dem Pfau, der heute in aller Welt – auch im
Entlebuch – in Volieren als Haustier gehalten wird. Der
Amphibien und Reptilien Grund für seine vielen schillernden Tupfen – allerdings
Jedes Mal, wenn ich mich im Entle- nur beim Männchen – ist einfach: Es geht einzig und
buch auf die Suche nach Tieren allein darum, der Henne zu imponieren. Die Pfauhenne
und Pflanzen begebe, setze ich ist zwar recht wählerisch, aber sie hat ein Faible für
mich auch mit einheimischen protzige Typen. Wenn also ein Hahn seine Schleppe
Naturfreunden in Verbindung. mit den vielen herrlich bunten Augenflecken zu einem
Dieses Jahr habe ich den grossen Rad aufrichtet, ist die Henne ganz gebannt.
Biosphärenpreisträger Richard Auch bei den Verwandten dieses Exoten verhält es sich
Portmann angesprochen und wollte ähnlich: Sowohl der Auerhahn als auch der Birkhahn
von ihm wissen, was ihm zuerst in den Sinn kommt, imponieren den Weibchen. Tupfen sind bei ihnen rarer.
wenn er an Tiere mit Punkten denkt. Seine Antwort: Aber eben doch noch da: Erkennbar als «rote Rosen»
«Wenn es auch Flecken sein dürfen, dann ist es der Feuer- über den Augen.
salamander, der mir mit seinen gelben Tupfen ausser-
ordentlich imponiert. Nur habe ich schon lange keinen
mehr gesehen, obwohl ich dann und wann nach ihm
suche. Tagsüber versteckt er sich unter morschem Holz
oder unter grösseren Steinen, die ich dann sorgsam Luchs
umdrehe. In der Regel blickt mich allerdings nicht der Tupfen und Punkte kennt man
auffällige Feuersalamander an, sondern sein enger Ver- vor allem auch von den Fellen
wandter, der schwarze Alpensalamander. Aber ich suche zahlreicher Grosskatzen; im Entle-
weiter, irgendwann wird mir der Schwarz-Gelbe schon buch ist der Luchs heimisch. Sein
noch begegnen.» Fell ist rotbraun und hat viele
Wie bei anderen Amphibien-Arten können auch beim schwarze Tupfen. Kein Fell gleicht dem
Feuersalamander Umweltfaktoren die Intensität der andern, an Bauch und Brust ist es deutlich heller. Anhand
Körperfärbung beeinflussen. Auf gelblichen Böden (etwa der Tupfen können Forscher die Tiere voneinander unter-
Löss) erscheinen Salamander oft insgesamt heller, das scheiden. Unverwechselbar machen den Luchs der kurze
Gelb intensiver. Beim Gras- und Wasserfrosch bilden Stummelschwanz mit der schwarzen Spitze und die
Punkte braune Muster im Grün. Auch unsere Ringel- Ohren mit den schwarzen Pinseln. Welchen Zweck das
nattern haben braune Tupfen auf dem Schuppenkleid. getupfte Fell hat, wird einem sogleich klar, wenn man
Besonders erwähnen möchte ich hier ein Tier, das auf das Tier im Wald suchen will: Die Tarnung, die ihm das
der Roten Liste steht: Die wunderschöne, einheimische Fell gibt, ist einzigartig. Das hilft der Raubkatze, wenn
Zauneidechse. Man erkennt Weibchen und Männchen sie sich an ihre Beute heranschleicht.
an ihren auffälligen Augenflecken im Flankenbereich.
Diese sind in ihrem Kern oder am Rand weiss aufgehellt. Wenn man die Vielfalt allein schon an Punkten, Tupfen,
In der Paarungszeit ist das getupfte, leuchtend grüne Flecken, Augen und Musterungen betrachtet, mit der die
Farbkleid der Männchen ein Signal für ihre Fitness. Je Natur uns Menschen erfreut, mag man ganz bescheiden
prächtiger das Männchen erscheint, desto kräftiger und werden und das wiederholen, was Johann Wolfgang
gesünder ist es. Die Zauneidechse wird von Hauskatzen, von Goethe festgehalten hat:
Schlangen und Vögeln verfolgt, und selbst die aus dem
Süden eingewanderte Mauereidechse macht ihr den «Die Natur allein ist unendlich reich, und sie allein bildet
Platz streitig. den grossen Künstler.»
Romano Cuonz, *1945, Sarnen, Journalist, Schriftsteller,
Publizist und Naturfotograf

